Wirtschaftsethik

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    Selig die Armen

    Hans Adolf Hertzler zu Lukas 6,20b

    Jesus von Nazareth und seine Jünger lebten als Wanderprediger in radikaler Armut. Wir leben ganz anders. Jesus sagte: SELIG IHR ARMEN - DENN EUCH GEHÖRT DAS REICH GOTTES! Ich komme daran nicht vorbei. Bekanntlich stehen nicht alle Leute wirtschaftlich gut da. In der Zeitung lese ich z.B. ständig von hohen Arbeitslosenzahlen. Ich erfahre von finanziellen, gesundheitlichen, sozialen Folgen von Arbeitslosigkeit. Ein harter Kampf um Interessen ist überall spürbar. In Zeiten krisenhafter Entwicklung ist es wichtig, sich klar zu machen, von wo aus man denken und urteilen will. Wer Christ sein will, kann nicht vergessen, wem wir verpflichtet sind. Es ist zu begrüßen, daß die beiden großen Kirchen einen Konsultationsprozeß ZUR WIRTSCHAFTLICHEN UND SOZIALEN LAGE IN DEUTSCHLAND in Gang gebracht haben. Ein Heft von ca. fünfzig Sei-ten liegt vor. Theologen, Wirtschaftswissenschaftler, auch Politiker haben dazu Stellung genommen. Auch in Krefeld haben sich Christen damit beschäftigt. Manche Leute ärgern sich: Die Kirchen sollen sich doch um ihre Angelegenheiten kümmern, heißt es. Aber das tun sie ja, wenn sie sich selbst und andere an biblische Worte erinnern: An das Recht der Armen, das nach einem Wort der hebräischen Bibel nicht gebeugt werden darf (Ex. 23,6). Und wir hier

    Das Recht der Armen

    kümmern uns um die Angelegenheiten der christlichen Kirche, wenn wir dies Wort hören und bedenken: SELIG IHR ARMEN - DENN EUCH GEHÖRT DAS REICH GOTTES. Ein Wort Jesu. Würde jemand anders diese Worte einfach so sagen, klängen sie zynisch. In die Bibel passen diese Worte. Sie nimmt die Armen wahr. Das ist nicht selbstverständlich. 1989 veröffentlichte der Paritätische Wohlfahrtsverband einen Armutsbericht: "Wessen wir uns schämen müssen in unserem reichen Lande." 1992 hat der Caritasverband die Ergebnisse seiner Untersuchung veröffentlicht: "Arme unter uns." In Deutschland gibt es viele arme Menschen, erst recht in aller Welt. Bei uns in der Gemeinde gibt es Armut. Es gibt Bezieher kleiner Renten, Langzeitarbeitslose, Menschen, die von Sozialhilfe leben müssen, arme Mennoniten. Wer von Jesus gelernt hat, daß Gott ein Herz hat für seine Menschen, wer selber ein Herz hat für seine Mitmenschen, der weiß genau: Wer arm ist, ist nicht gut dran. SELIG IHR ARMEN - DENN EUCH GEHÖRT DAS REICH GOTTES, hat Jesus gesagt. Er, selber arm, hat es zu seinen Jüngern gesagt. Das waren arme Leute. Seine Worte passen nicht ins Bild. Die einen verachten die Armen, die anderen übersehen sie, wieder andere bemitleiden sie und noch andere tun viel, um die Armut von Armen zu überwinden. Die meisten aber tun fast alles dafür, um nicht selber in Armut zu geraten. Aber wer unter uns kommt auf die Idee, die Armen zu beglückwünschen? Kein Wunder: die Auslegung dieses Wortes ist umstritten. Die einen haben es ausgelegt im Blick auf die im Jenseits erhoffte gute Welt: Wer jetzt arm ist, der kommt später in Gottes Himmel. Das kann man sehr platt auffassen: Erwerb von Verdiensten, die einem auf einem jenseitigen Konto gutgeschrieben werden. Aber es ist tiefer gemeint. Wer als armer Mensch lebt, wird von den Gefahren des Reichtums nicht überwältigt. Wird den Sinn seines Lebens nicht in der Anhäufung von Gütern sehen. Bleibt angewiesen auf Gott. Aber so etwas können nur Menschen sagen, die selber als Arme leben. Einer, der gut dran ist, kann nicht einem Armen sagen: SELIG IHR ARMEN! Andere haben gesagt: Gemeint ist bei Jesus die Armut in einem übertragenen Sinn. Die Menschen, die um ihre Armut vor Gott wissen, denen gilt die Verheißung. So steht es dann im Matthäusevangelium: Selig, die geistlich arm sind. Ich selbst meine, daß Jesus wörtlich Arme gemeint hat. Und daß für Jesus das Reich Gottes nicht verschoben war auf den St. Nimmerleinstag. Er sah die Spuren des Gottesreiches in seiner eigenen Welt. Die Armen wußte er beachtet von Gott, hineingenommen in sein Friedensreich. Das begann in der Gemeinschaft der Ge-meinde. So stellt der Evangelist Lukas Kirche dar: als eine Gemeinschaft, in der die Armen aufgenommen sind, in solidarischer Gemeinschaft leben können. Davon können Christen nicht absehen, wenn in diesen Jahren von Abbau und Umbau und von den Kosten des Sozialstaates lauthals geredet wird auf allen Kanälen und an allen Biertischen. Wer sich auf Jesus beruft, einerseits, kann von anderen Menschen nicht nur als Kostenfaktoren reden, andererseits. Wenn zum Beispiel die Bundesbank sagt, daß die Sozialhilfe gekürzt werden muß, weil diese biswei-len höher liege als die Einkünfte in untersten Lohngruppen, dann sollte das nicht einfach nachgeredet werden, jedenfalls nicht von Menschen, die sich als Christen verstehen. Das Recht der Armen darf nicht gebeugt werden. Auch dann nicht, wenn die Kassen leer sind. Wer ein Herz hat für seine Mitmenschen, muß vor allem raschen Urteilen erst einmal sehen, wie denn die Menschen in den niedrigsten Lohngruppen, wie die Bezieher von Sozialhilfe leben. Manche haben es ausprobiert. Es ist schwer. SELIG IHR ARMEN - DENN EUCH GEHÖRT DAS REICH GOTTES. Jesus hatte eine Vision, wie eine Welt nach dem Herzen Gottes aussieht. Er sah sie kommen. Die Armen, die Traurigen, die Benachteiligten gehörten hinein in diese Welt. Sie waren in seiner Vision vom Gottesreich nicht ausgegrenzt, sondern einbezogen. Es liegt nah, an die Herzen zu appellieren. Aber klüger ist es, an die Vernunft zu appellieren. Zu diskutieren ist, was dem Gemeinwohl dient. Das Miteinander in der Gesellschaft ist bestimmt von einem Pluralismus an Interessen. Die Frage nach dem Gemeinwohl ist in den Hintergrund

    Wo bleibt das Gemeinwohl?

    geraten. Man muß ernsthaft fragen, ob nicht die Interessen sozial Schwacher und Benachteiligter und die Belange der Entwicklung armer Länder zu wenig berücksichtigt wurden. So sagt es die Studie zum Konsultationsprozeß in den großen Kirchen: "Hat aber damit die Gesellschaft nicht gewaltige Chancen ausgelassen, die auf Dauer auch für jeden einzelnen Vorteile mit sich bringen könnten? Die Qualifikation und Arbeitsbereitschaft der Arbeitslosen bleiben ungenutzt, Kinder, auf die unsere Zukunftshoffnungen gründen, werden nicht geboren, die Entwicklungsmöglichkeiten vieler Länder werden nicht ausreichend gefördert, in manchen Fällen geradezu behindert. Ohne eine gemeinsame Zukunft für die Weltgemeinschaft insgesamt aber werden wir Ge-fangene einer Ordnung, die der Vergangenheit verhaftet ist." Die Folgekosten der Armut vieler sind aller Wahrscheinlichkeit nach viel höher als die direkten Kosten im Augenblick. Dafür muß gedacht und geredet und politisch gehandelt werden, daß phantasievoll nicht Teilinteressen das Feld bestimmen, sondern möglichst umfassend das Interesse der ganzen Lebensgemeinschaft. Die am Rande, die Benachteiligten, die Arbeitslosen, die Armen gehören hinein in die Gemeinschaft und nicht hinaus. Ich weiß nicht, was Sie dazu sagen. Mir aber geht es so: Ich möchte diesen Satz im Kopf behalten und möchte damit weiterdenken. SELIG IHR ARMEN - DENN EUCH GEHÖRT DAS REICH GOTTES.

    Hans Adolf Hertzler (gekürzte Predigt aus dem Jahre 1996)


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