Absolutheitsansprüche

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    ...niemand außer durch mich

    Eine Bibelarbeit von Gabriele Harder zu Johannes 14, 6

    Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, außer durch mich" - der wohl am häufigsten herangezogene Satz, wenn es um den Absolutheitsanspruch der Christen und Christinnen gegenüber anderen Religionen geht. Der Vers steht im Johannesevangelium im Rahmen der Abschiedsreden Jesu. Nachdem Jesus sich in Kapitel 1-12 der Öffentlichkeit gezeigt hat, wendet er sich in Kapitel 13-17 seinen Jüngern zu. Auf dem Hintergrund der Fußwaschung und des letzten Mahles offenbart sich Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen, bevor seine Passion (Kapitel 18-19) beginnt.

    Johannes 14,6 gehört zur ersten großen Abschiedsrede Jesu, Kapitel 14, 1-31. Die Gattung der "Abschiedsrede" war im Judentum und in der griechisch-römischen Welt sehr verbreitet. In ihr wurden die letzten Worte bedeutender Männer festgehalten und mit Mahnungen versehen. Diese Reden sollten Trost für die Zurückbleibenden sein, ihnen Gebote, Zukunfts-perspektiven und einen Segen mit auf den Weg geben. Der Evangelist wählt diese Form, um ganz deutlich herauszukehren, daß es sich jetzt nichtmehr um die Offenbarung an "die Welt" handelt, wie in Kapitel 1-12 , sondern um die Offenbarung an die Jünger und Jüngerinnen Jesu und damit exklusiv an die Gemeinde Christi.

    Die gesamte Rede wird von den Verben "fortgehen" und "wiederkommen" durchzogen. Sie gliedert sich in drei große Abschnitte: Bis Vers 17 ist das Thema "Weggang Jesu" vorherrschend, ab Vers 18 geht es um das Wiederkommen Jesu. Mit Vers 25 beginnt der Schlußteil. Der Spannungs-bogen geht über das Fortgehen und Wiederkommen Jesu bis zur Verheißung des Heiligen Geistes als Beistand für die Jünger und Jünger-innen. Den Rahmen der Rede bildet die Mahnung "glaubt!" (V. 1 und 29). Die Jünger sollen ihr "Herz nicht verwirren las-sen" (Vers 1 und 27), vielmehr an an Gott und Jesus glauben. "Herz" meint hier nicht nur die Gemütsver-fassung, sondern gemäß dem se-mitischen Men-schenbild des Evangelisten, auch den Ort, wo Entscheidungen getroffen werden. In heutigem Deutsch: "Verliert nicht den Kopf/Verstand!"

    Die Jünger sind durch das angekündigte Fortgehen Jesu, den angekündigten Verrat des Judas und die angekündigte Verleugnung des Petrus ziemlich erschüttert. Zuviel der schlechten Nachrichten! Und damit kann sich die Gemeinde, für die Johannes sein Evangelium niederschreibt, nur allzu gut identifizieren. Sie versuchte, ihren jüdischen Geschwistern den Glauben an den messianischen Erlöser nahe zu bringen. Das hatte zur Folge, daß sie wider ihren Willen aus der Synagoge ausgeschlossen wurde. Sie wurde gemieden, litt wohl unter Verfolgung (vgl. Joh. 16,2f) und erwartete sehnsüchtig die Wiederkunft Jesu.

    Hier soll die Rede den Glauben und das Vertrauen der Jünger in Gott und Jesus stärken und Zuversicht und Trost geben.

    Durch den Fortgang Jesu ist der Glaube der Jünger bedroht. Glaube ist bei Johannes der Glaube an Jesus und Gott zugleich. Wie soll das nun gehen, da er als Person nicht mehr da ist? Als irdischer Jesus war er ja der Ort, an dem sich Gott offenbarte!

    Zunächst betont Vers 2f., daß Jesus nur weggeht, um den Heilsort bei Gott vorzubereiten. In der Zeit seiner Ab-wesenheit be-findet sich die Gemeinde in einer Art War-teschleife für das Heil.

    In der Ab-schiedsrede steigert sich die Interpreta-tion des Fort-gehens Jesu von dieser schlichten Erklärung, warum er die Gemeinde zurückläßt, zu einer Erklärung, die die Abwesenheit als Vorteil für die Zurückbleibenden interpretiert.

    Als erhöhter Christus läßt er die Gemeinde nicht nur in Hoffnung zurück. Nein, die Wartezeit wird besser als die Zeit des Irdischen. Die Qualität der Offenbarung Gottes in Jesus ist zu allen Zeiten gleich, aber quanitativ tritt jetzt eine Veränderung ein: Jetzt offenbart sich Gott unbegrenzt der ganzen Gemeinde an allen Orten durch den Heiligen Geist.

    Vers 6 gehört zu einem Dialog Jesus mit dem Jünger Thomas (Vers 4-7). Dieser entfacht sich, nachdem Jesu Fortgehen als ein Vorbereiten des Heilsortes interpretiert wurde. Als Jesus sagt: "und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt Ihr" sagt Thomas zu ihm: "Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, wie sollen wir da den Weg kennen?" Daraufhin sagt Jesus zu ihm: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, außer durch mich."

    Ein souveränes Wort, das wie ein großes Licht über der kleinen, ver-wirrten Gemeinschaft der Glaubenden aufleuchtet. Indem Jesus die Wahrheit und das Leben ist, wird er zum Weg, der den Gott des Lebens offenbart. Wahrheit bedeutet hier nicht irgendeine Lehrorthodoxie, sondern einen stabilen, unvergänglichen Bereich Gottes selber, der Leben zu geben vermag.

    Der Satz wird nicht umsonst als "Höhepunkt johannäischer Theologie" oder als "Kompaktaussage des jo-hannäischen Christentum" (Becker) bezeichnet. Alle Reden Jesu im Johannesevangelium betonen, daß Gott sich nur in Christus offenbart (vgl. Joh.1,18). Joh. 14,6 ist die höchste Steigerung dessen.

    Jesus offenbart sich in dem Satz, wie in allen anderen bildhaften "Ich-bin-Worten" des Johannesevangelium, als der Offenbarer und Heilsbringer, der den Glaubenden das Leben verheißt. Gott ist das Leben und die Wahrheit, und das Leben und die Wahrheit sind das Heilsziel. Jesus ist nicht nur der Weg zum Ziel, er hat also nicht nur die Funktion, zum Heil zu führen. Vielmehr ist er das Ziel und das Heil selbst. Nur wer diese Verheißung im Glauben begreift wird deren Trost erfassen.

    Joh. 10,7ff: "Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen sind Diebe und Räuber.." liegt mit dem Wort vom Weg auf einer Ebene.

    Die Worte, die Johannes seiner angefochtenen Gemeinde immer wieder als Trost ins Herz spielt sind gleichzeitig schärfste Polemik gegen die jüdische Mutterreligion.

    Die johannäische Gemeinde hat sich seit der Abspaltung von ihrer Muttergemeinde immer mehr von der Welt zurückgezogen. Während sie zunächst noch versuchte, die jüdischen Geschwister zu missionieren, entwickelte sie nach der Trennung eine Theologie der Abgrenzung, die besagt: "Hier ist Christus, das Licht - dort ist die Welt und die Finsternis"

    Dieser sogenannte Dualismus steigerte sich mit der ausbleibenden Wiederkunft Christi zu einem Dualismus zwischen der Gemeinde, als dem Ort des Heils und der Welt, dem Ort des Verderbens. Damit wurde die Gemeinde zur Trägerin der unverhüllten Wahrheit Gottes (vgl. Vers 20) Dies führte unweigerlich zur Verabsolutierung des eigenen Glaubens im Zuge der Einigelung und Absonderung von der Welt.

    Die Gemeinde des Johannes kapselte sich nach ihrem Ausschluß aus der Synagoge immer ab. Die Tochterreligion schleudert ihrer Mutter in ihrer Hilflosigkeit und maßlosen Enttäuschung knallharte Feindselig-keiten entgegen. Dementsprechend wurde das Evangelium des Johannes dualistisch und antijudaistisch eingefärbt. Bis heute dienen diese Bibelstellen Christen und Christinnen zur Legitimation ihrer Feindseligkeit gegenüber dem Judentum und anderen Religionen.

    Unsere Situation heute ist jedoch eine andere als die der johannäischen Gemeinde. Uns hat sich Gott durch die Zeugnisse von Jesus Christus offenbart, auch durch die Zeugnisse des Johannes. Wir brauchen die Feindseligkeiten, die die johannäische Gemeinde gegenüber ihrer Mutter-religion aussprach, nicht mehr, um uns als Christen und Christinnen auszuweisen. Was ist nun aus dem souveränen "Ich bin-Wort" herauszu-lesen?

    Es ist weiterhin ein stahlender, souveräner Zuspruch, allen Glauben-den, die in Bedrängnis sind. Gott hat sich mir als Christin in Jesus Christus offenbart.

    Deshalb ist das Wort Evangelium für mich. Es ist Evangelium für alle christlichen Gemeinden! Es ist kein Wort an andere Religionen. Unsere Haltung gegenüber anderen Religionen sollten von Texten wie Johannes 4, Matthäus 8, 5-16 und Matthäus 15, 21-28 inspiriert sein. In ihnen zeigt Jesus, wie er sich gegenüber Menschen anderer Religionen gleichermaßen liebevoll verhält.

    Literatur: J. Becker, Das Evangelium nach Johannes (Ökumenisch Theologischer Kommentar zum Neuen Testament 4/1, 1991); Herder, Kommentar zum NT; R.Bernhardt, Zwischen Größenwahn, Fanatismus und Bekennermut, Stuttgart 1994.

    Gabriele Harder


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