Blick in die Geschichte

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    Unter anderem: Patchwork

    Gary J. Waltner über die Mennonitische Forschungsstelle

    Seit drei Jahren steht er da, der Bibliotheks- und Archivneubau des Mennonitischen Geschichtsvereins (MVG). Dank vieler freiwilliger Helfer ist es dem MGV gelungen, innerhalb von zwei Jahren ein Haus fertig zu stellen, das den Bedürfnissen für die Unterbringung der umfangreichen Bücher- und Archivsammlung entsprach.

    Ursprünglich war die Mennonitische Forschungsstelle als Sammlung zur Mennonitischen Geschichte in der Privatwohnung von Dr. Ernst und Rosa Crous in Göttingen (1948 - 1960) entstanden, sie wurde später von 1960 - 1968 im Stadthaus der Stadt Krefeld und zuletzt unter dem Dach des Gymnasiums Weierhof untergebracht, wo es schließlich durch stetigen Zuwachs der Bücher und Papiere viel zu eng wurde. Eigentlich war die Errichtung einer Bibliothek auf dem Weierhof auch ein europäisches Ereignis, denn nie zuvor haben die europäischen Mennoniten ein eigenes Bibliotheksgebäude gebaut, dessen Zweck nur in der Unterbringung ihrer Bücher und Archivalien lag. Das einfache Haus, freundlich ausschauend mit seinem warmen hellgelben Anstrich, steht heute an der Stelle, wo sich einst eine Scheune befand, in der die Weierhöfer Bauern ihre Heupresse und andere landwirtschaftlichen Maschinen unterstellten.

    Das Untergeschoss beherbergt das Archiv, das Ortwin Driedger ordnet. Als er vor zwei Jahren nach langjähriger Tätigkeit am Gymnasium Weierhof pensioniert wurde, hatte er angefragt, wie er die Arbeit in der Forschungsstelle unterstützen könnte. Als ehemaliger Mathematik- und Physiklehrer ist er für die akribische Arbeit im Archiv besonders geeignet, verfügt aber auch über die Kenntnis der geschichtlichen Zusammenhänge und der Persönlichkeiten der Mennoniten, deren Zeugnisse hier aufbewahrt werden. In der Zwischenzeit hat er verschiedene archivarische Sammlungen, wie z. B. die Gemeindearchive der MG Monsheim, Lemberg und Kaiserslautern oder handschriftliche Hinterlassenschaften, Briefe und Predigten von Persönlichkeiten wie Arnold Dyck, Christian Neff usw. geordnet. Zur ordnungsmäßige Lagerung des Archivgutes gehört viel Geduld für die Durchsicht, Sortierung, das Sichten und Ordnen der Materialien, ein gutes Gedächtnis und nicht zuletzt ziemliche Vertrautheit mit biblischen und theologischen Fragen. Natürlich ist noch lange nicht alles fertig und es wird noch Jahre dauern bis alle Sammlungen ordentlich sortiert, in die neu angeschafften säurefreien Kartons hineingelegt und entsprechend beschriftet sind.

    In der Zwischenzeit kommen immer mehr Archivalien hinzu, denn nun ist in Deutschland eine Stelle vorhanden, in der das Archivgut, das für die Geschichte der Mennoniten wichtig ist, eine Heimat finden kann. Wir begrüßen und befürworten den Zuwachs, denn in der Vergangenheit sind oft wertvolle Akten und Archivalien unwiederbringlich verloren gegangen, weil niemand sie bewahren konnte oder wollte. Kleinere Mennonitengemeinden die nicht über passende Möglichkeiten für die Unterbringung von Archivalien verfügen, oder mennonitische Organisationen, die keine festes "zu Hause" haben, werden eingeladen, mit uns über eine eventuelle Unterbringung zu sprechen. Es ist auch klar, dass, nach Jahrzehnten der Vernachlässigung, es nicht möglich ist, das Archiv in wenigen Jahren perfekt zu ordnen. Archivalien, die oft in einem ziemlichen Durcheinander, ob in Bündeln oder Kästen, angeliefert werden, müssen zuerst grob eingeteilt und verwahrt werden. Es wird dann eine Aktennotiz über die Herkunft , den Bezug und das Einlieferungsdatum der Materialien gemacht, eine qualifizierte Bearbeitung erfolgt dann zu einem späteren Zeitpunkt.

    Im ersten Stockwerk steht die etwa 16 000 Titel umfassende Bibliothek. Die Bücher sind in fahrbaren Kompaktregalen untergebracht, um Platz zu sparen. Durch diese Kompaktregale ist es möglich, mehr als das Doppelte an Büchern unterzubringen, als auf herkömmlichen Regalen. Ein Karteikatalog erschließt die Bibliothek und erlaubt den Benutzern die Bücher nach Verfasser, Stichwort oder Titel zu finden.

    Im obersten Stockwerk befindet sich eine Wohnung, die vermietet ist und eine kleines, aber recht gemütliches Besucherappartement. Wer hier seine Forschungen betreiben will - schließlich besitzt die Forschungsstelle eine Zusammenstellung von Büchern und Archivalien zur mennonitischen Geschichte wie sonst nirgendwo in Deutschland - und über Nacht oder längere Zeit bleiben möchte, dem steht neben Dusche und WC auch eine kleine Kochnische zur Verfügung.

    Die Arbeit in der Forschungsstelle:
    Öffentlichkeitsarbeit

    Seit Errichtung einer Bibliothek sind wir in der Lage, größere Gruppen zu empfangen und über die Mennoniten und die Arbeit in der Forschungsstelle zu informieren. Jährlich kommen 10-15 solcher Gruppen auf den Weierhof, und besonders die mennonitischen "Tourgroups" aus Nordamerika möchten daneben- den Weierhof als bäuerliche Siedlung mennonitischer Prägung kennen lernen. Die Hälfte der Besucher der Forschungsstelle sind Nicht-Mennoniten, die etwas über die Täufer und Mennoniten erfahren wollen. Hierzu zählen Studentengruppen aus Mainz oder Heidelberg , Erwachsenenbildungsgruppen, u.a., die die Gelegenheit nutzen, etwas über Mennoniten, Amische oder Hutterische und über die pfälzische Geschichte, von der die Mennoniten ein Teil sind, zu hören. Es wird anhand von Archivalien, Büchern und Gegenständen erzählt und Fragen beantwortet. Auch Gruppen oder Vereine aus der Umgebung , meist kirchlich orientiert, interessieren sich in verstärktem Maße für die Forschungsstelle und besuchen die Ausstellungen und Vorträge. Diese Art von "Informationsdienst" sehen wir als wichtige Aufgabe der Forschungsstelle an.

    "Besucherbetreuung"

    Da uns eine ganze Anzahl von Forschern besuchen, besonders Studenten, die ein täuferisches oder verwandtes Thema an der Universität zu bearbeiten haben, muss mit der Beschaffung von Literatur geholfen oder Unterstützung bei der Bewältigung der Problematik gegeben werden. Hierzu braucht es viel Zeit, denn bei der Fülle von Material, das es bei uns gibt, muss ein Auswahl vorbereitet werden, und die Erstellung einer einschlägigen Bibliographie und das Anfertigen umfangreicher Kopien dauert oft Tage. Aber nicht nur Studenten kommen zu uns, sondern auch Heimatforscher, Professoren, die in einem bestimmten Gebiet arbeiten oder auch Familienforscher, die nach ihren Wurzeln fahnden. Viele Russlanddeutsche mit mennonitischer Vergangenheit suchen nach ihrer eigenen, verschütteten Geschichte. Ihnen muss besonders Hilfe zuteil werden, haben sie doch unverschuldet mit Defiziten zu kämpfen, wenn sie z.B. Schwierigkeiten mit den alten Schriften oder der Sprache haben. Auffallend ist, dass unter den jungen Interessenten, die uns für wissenschaftliche Beratung aufsuchen, so wenig Mennoniten sind, und ich frage mich oft, warum unsere Studenten keine mennonitischen Themen bearbeiten? Liegt es am Desinteresse oder an Unkenntnis? Zu Benutzerbetreuung gehört auch die Beantwortung von Briefen, von e-mails (über alle Kontinente) und telefonischer Anfragen. Ungefähr 40 % aller Anfragen haben mit Familiengeschichte zu tun. Leute aus dem In- und Ausland suchen ihre Vorfahren, besitzen aber recht wenig Informationen, die bei der Suche helfen könnten. Glücklicherweise haben wir die Adressen kompetenter Familienforscher zur Hand, die sich in bestimmten Familien auskennen und bereit sind, ihre Karteien auszuwerten und Anfragen zu beantworten. Durch ihre Mitarbeit wird die Arbeit in der Forschungsstelle erleichtert.

    Administrative Aufgaben

    Zu einer Bibliothek und einem /Archiv gehören umfangreiche administrative Aufgaben, die oft nicht auf den ersten Blick als notwendig zu erkennen sind. Da der MGV einen (kleinen) Etat für die Anschaffung von neuerer und auch älterer Literatur bereitstellt, ist es wichtig, passende und zeitgemäße Literatur zu suchen und zu bestellen. Antiquariats- und Bücherkataloge, Anzeigen und das Internet werden durchsucht, um möglichst preiswert an die benötigten Werke zu kommen. Thematisch wichtige Veröffentlichungen aus dem Ausland müssen aus Zeitschriften aufgespürt und bestellt und Hinweisen auf neue Publikationen nachgegangen werden, was oft zeitraubend ist.

    Wenn die Bücher bestellt sind und angekommen sind, kann ein Buch nicht einfach in das Regal gestellt werden. Es muss katalogisiert werden, damit der Benutzer es finden kann. Dies ist ein zeitaufwendiger, jedoch sehr wichtiger Arbeitsvorgang in einer Bibliothek. Der Außenstehende sieht diesen Teil der Bibliotheksaufgaben nicht und diese grundlegende Arbeit bleibt oft unbeachtet.

    Weitere Aktivitäten

    Die Forschungsstelle versucht jedes Jahr eine größere Ausstellung zu veranstalten, in der vorwiegend Schätze aus unseren Beständen gezeigt werden. Als erstes hatten wir 1999 eine "Patchwork"-Ausstellung mit alten und neuen Patchworkarbeiten, eine Bibelausstellung "Die Bibel, Gottes Wort" folgte 2000 und im Jahr 2001 fand eine Ausstellung mit mennonitischen, hutterischen und amischen Trachten statt. Zusätzlich werden verschiedene Vorträge zu mennonitischen Themen angeboten, wie "Mennoniten und Landwirtschaft" von Dr. F. Konersmann aus Bielefeld, "Der mennonitische Uhrmacher Goertz" von H.-J. Kummer aus Ludwigshafen, oder ein Vortrag über "Kirche in der DDR" von Dr. Steffi Gerlach. Auch ein Orgelkonzert 1999 mit Dr. Peter Letkemann aus Winnipeg gehört in diese Reihe. Einen Höhepunkt bezeichnete ein Diavortrag (er musste wegen des großen Anklangs wiederholt werden) mit besinnlichen Naturmotiven von Dr. Wolfgang Eymann, Köln. Als Leiter der Forschungsstelle startete ich 1998 diese Serie mit einem Vortrag mit kostbaren alten Dias über die mennonitischen Kolonien im Russland vor 1914 sowie mit 16 mm Filmen, die Richard Hertzler in den 50ger und 60ger Jahre gedreht hat und die u.a. die Auswanderung heimatlos gewordener Mennoniten schildern. Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit findet ein beliebter Weihnachtsbasar statt mit Erzeugnissen von künstlerisch und basteltechnisch Begabten der Gemeinden.

    Außerdem haben wir in der Vergangenheit Buchbindekurse für Jugendliche und interessierte Erwachsene angeboten. Jugendliche wurden eingeladen, mit uns Zeitschriften zu binden. Dadurch bekommen sie einen Einblick in die Kunst des Buchbindens, ob mit Fadenheftung oder mit anderen Techniken. Gleichzeitig leisten sie eine wertvollen Dienst für die Forschungsstelle, Zeitschriften binden zu lassen, ist eine teuere Angelegenheit. Auch einen jährlicher Arbeitseinsatz für Erwachsene wird abgehalten, indem Helfer aus den umliegenden Gemeinden, meist im Monat März, gezielt eingeladen werden, um uns mit der Sortierung von Zeitschriften zu helfen. Solche Einsätze sind nicht nur für die Ordnung in der Bibliothek wichtig, sondern geben auch den Helfer(innen) die Möglichkeit die Forschungsstelle und die Arbeit, die hier getan wird, kennen zu lernen. So ist fast alle Tage etwas "los" in dem neuen Haus und der Bücherei.

    Die Zukunft?

    Der Unterzeichnete wurde 1974 mit der Betreuung der Mennonitischen Forschungsstelle beauftragt und hat die Arbeit nebenberuflich mit Hilfe von anderen ausgeführt. Nach der Pensionierung konnte die Arbeit intensiviert werden mit dem Ziel, eine geordnete Bibliothek und Archiv für die nächste Generation zu hinterlassen. Uns ist klar, daß diese Aufgabe, die von anderen begonnen wurde und noch lange nicht fertig ist, fortgesetzt werden muss. Für das Selbstverständnis einer Gemeinschaft - nicht nur einer mennonitischen - ist die Möglichkeit zur geschichtlichen Rückbesinnung zur Identitätserhaltung unerlässlich und Existenz erhaltend.

    Dadurch, daß die Forschungsstelle ein eigenes Haus bekommen hat, ist es nun möglich Bücher und Archivalien systematisch zu sammeln und zu ordnen. Aber das Sammeln alleine ist nicht genug. Wir brauchen Menschen, die bereit sind die Arbeit mit zu tragen, die bereit sind, Zeit und Gaben zu investieren, und für die auch die Zukunft der Forschungsstelle wichtig ist. Die Arbeit ist Aufgabe unserer ganzen Gemeinschaft und geht uns alle an. Wir laden herzlich zu einem Besuch in der Forschungsstelle ein!

    Gary J. Waltner, Leiter der Forschungsstelle


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