Afrika - der mennonitische Kontinent

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    Ruzaarao ekira eitingo*

    *Kinder sind mehr als Reichtum

    - Ein Bericht aus Uganda -

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    Gerade noch dachte ich: nachdem man mit erfahrenen und kampferprobten Babysittern oder hektischen Eltern gesprochen hat - warum würde auch nur irgendjemand eigene Kinder haben wollen?

    Das habe ich schon öfter gedacht. Als ich in Kanada war mochte ich Kinder nicht wirklich. Ich wollte nicht auf sie aufpassen und mochte sie nur dann gerne, wenn sie weit genug weg auf dem Armen von jemandem waren und ich nur zu einem "Ooh, wie niedlich!" verpflichtet war. Immer hatte ich schon eine Fluchtroute im Kopf, falls die Mutter auf die Idee käme mir zu zeigen wie niedlich ihr Kind wirklich war. Aber seit kurzem (das heißt in diesem Jahr) erkenne ich mehr und mehr, dass Kinder - egal wie alt sie sind - wesentlich mehr ein Segen, denn ein Fluch sind.

    Ich weiß nicht welche Erfahrungen andere mit Kindern haben - aber ich kenne meine Erfahrungen, die ich in Uganda und im Speziellen an der "Mother Care School" gemacht habe. Es ist ein Erlebnis der Entwicklung von Fähigkeiten - nicht von denen der Kinder, sondern meiner eigenen. Meine Fähigkeit zu lieben und mitzufühlen hat enorm vergrößert. Diese Schulkinder sind ein ganz neuer Raum in meinem Leben - zu dem Gott mir die Tür geöffnet hat. Hier kann ich Liebe und Energie einsetzen, wie ich es zuvor in meinem Leben oft vermisst habe. Das heißt nicht, dass ich jetzt total rosa und völlig flockig bin, aber die Anwesenheit dieser ugandischen Kinder in meinem Leben hat bedeutende Auswirkungen auf mich gehabt.

    Es gibt täglich kleine Momente, in denen ich dies erkennen kann...

    Wie vor einigen Monaten während der Regenzeit: Ich wollte meine Hände zum Mittagessen waschen (Anmerkung: es gibt dort weder Elektrizität, noch fließendes Wasser), es regnete leicht und ich stand außerhalb des Klassenzimmers und fing das vom Dach tropfende Wasser mit den Händen auf. Ich schaut hoch zur Dachkante und versuchte meine Hände in die herabfallenden Tropfen zu halten. Während ich dies tat, sah ich neben mir eine unbezahlbare Szene: sieben oder acht Jungen und Mädchen waren herausgekommen und versuchten wie ihr "Lehrer Ken" die Regentropfen aufzufangen. Sie hielten ihre kleinen Hände, wie meine schalenförmig und lachend in den Himmel, während sie Gottes Gaben sammelten und sich damit gegenseitig bespritzten.

    An einem anderen Tag schaute ich, während ich darauf wartete, dass die letzten Kursteilnehmer ihre Aufgaben beendeten, nach draußen zu den anderen Schülern, die bereits fertig waren und nun spielten. Auf einmal lief ein Justine, ein mir gegenüber extrem schüchternes Mädchen auf mich zu und gab mir etwas in die Hand. Dann rannte sie schnell zu den anderen Kindern zurück. Mit viel Aufhebens öffnete ich meine Hand und sah nach, was Justine mir gegeben hatte. Es war ein Lolli. Der Stiel war verbogen und schmutzig und die Süßigkeit war teilweise innerhalb der Verpackung geschmolzen. Er sah aus, wie eine schlechte Kopie einer modernen, entwickelten und motivierten Süßigkeit wie wir sie im Westen haben. Aber es war der beste Lutscher, den ich je probiert habe (Ananasaroma). Und das beste war der Freude, die die Kinder hatten als sie sahen, wie ihr Lehrer Ken einen von ihren Lollis, den sie ihm gegeben hatten aß - jeder gewinnt, wenn jeder gibt.

    Übergriffe betrunkener Männer

    Auf einer Reise war ich zusammen mit meinem Freund Godwin für vier Tage in seinem Heimatort. Eines Abends, wir waren gerade auf dem weg zu Godwins Bruder zum Abendessen, entdeckte ich etwas das mir die Nacht versaute. Christine war ein Mädchen in meinem Alter, dass wir am Abend zuvor getroffen hatten. Sie arbeitet in einer Bar um die Ecke und serviert "Tonto", einen einheimischen Bananenschnaps, den sich sogar die ärmsten Trinker leisten können. Als wir vorbei gingen hörte ich lauten Radau aus der Bar. Ich drehte mich um und sah wie Christine aus der offenen Tür heraus geschmissen wurde und auf den Betonboden krachte. Mit einem flauen Gefühl im Magen sah ich wie Christine sich wieder aufrappelte und mit einem mutigen Lachen wieder in die Bar ging. Ich erkannte an welche Art von Hölle sie gewöhnt sein musste - oder vielleicht war sie nicht daran gewöhnt. Sie ist eine junge und attraktive Frau, die mit den Ärmsten der Armen tagtäglich zusammen ist. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, jede Nacht mit den übergriffigen betrunkenen Männern zusammen sein zu müssen. Ehrlich gesagt, war ich total genervt. Ich wollte sie da rausholen und an einen Platz bringen wo sie ein Mensch und nicht nur eine Sache sein konnte. Ihre Geschichte ist nicht außergewöhnlich - sie passiert überall, aber das macht sie absolut nicht besser, oder?

    Am Ende des Schuljahres gibt es an unserer Schule eine Elterntag zu dem die Eltern unserer Schulkinder kommen. Die Kinder führen an diesem Tag Tänze, Lieder, Spiele und andere Dinge auf. Das Highlight in diesem Jahr war für mich die Aufführung in traditionellem Tanz. Es war erstaunlich: vier Mädchen und vier Jungs tanzten, der Rest klatschte und sang. Die Eltern waren ganz mit dabei, klopften auf die Tische und freuten sich mit der Klasse. Traditionelle afrikanische Tänze und Lieder sind alterslos. Ich kann mir nicht vorstellen, dass z.B. in Nordamerika Eltern so begeistert den Refrain von "Old MacDonald had a farm" mitsingen würden - und voller Begeisterung rufen würden: "E-I-E-I-Oh". Die einzigen anderen "mzungus" in meiner Gegend waren Dr. Scott und Carol, ein amerikanisches Missionsehepaar, dass für im undurchdringlichen Bwindi Wald medizinische Hilfe für die Armen anbot. Häufig begleitete ich sie auf ihre Drei- oder Vier-Tages-Reisen mit ihrer mobilen "Klinik". Jeden Tag war die Klinik an einem anderen Ort. Wir hatten zwei große Tupperware-Behälter mit Medizin dabei. An einem kalten Tag kamen besonders viele Patienten. Ich versorgte zusammen mit Carol Wunden. Alle möglichen äußeren Verletzungen wurden behandelt. Wir trugen Gummihandschuhe, die mir das Gaben, ein echter Doktor zu sein. Am Abend konnte ich perfekt Blutdruck messen, die richtige Schwangerschaftswoche schätzen, Malariasymptome erkennen und sogar Medikamente für tropische Geschwüre verschreiben. Dr. Scott rief mich immer wieder zu sich und zeigte mir unterschiedliche Krankheitsbilder.

    Rettung in letzter Sekunde

    In einem Fall litt ein zehnjähriges Mädchen unter fortgeschrittener Malaria. Ich sah zu wie der ugandische Medizinstudent Dr. Ricky ihr verschiedene Flüssigkeiten einflößte. Dr. Scott sagte, das sie diese Nacht ohne die Behandlung nicht überlebt hätte. "Es sind Fälle wie dieser, bei denen ich mich frage, ob Gott mich allein hierher gebracht hat, um das Leben dieses Mädchens zu retten", sagte er. Ich saß neben ihr auf dem Bett und stellte ihr einfache Fragen in Rukiga. Sie antwortete, aber ich verstand nicht was sie sagte. Aber ich glaube, das war egal, denn allein hier am Bett dieses sterbenden Mädchens zu sitzen und zu versuchen ihr während ihrer Fieberschübe beizustehen gab uns beiden ein besseres Gefühl. Ihr Vater, der mich für einen fließend Rukiga sprechenden Mediziner hielt, erklärte mir, dass er sie mit nach Hause nehmen wollte. Wir lehnten dies ab. Am Ende des Tages kam der Vater zu mir und redete lächelnd eine Zeitlang auf Rukiga auf mich ein. Ich lächelte zurück und sagte "thank you sir". Ich glaube, er war beeindruckt, dass ein weißer Doktor seine Sprache verstehen konnte... Dr. Scott sagte, dass dieses Mädchen überleben würde.

    Eine Gitarre bei mir zu haben, war viel wert und öffnete viele Türen und Gelegenheiten für mich. Pastor Kenneth nutzte meine Fähigkeiten und eine gewisse Zeit tourten wir durch die Gegend - wobei ich eine der Hauptattraktionen war. Ein weißer Typ mit Gitarre ist ein großes Ding in ländlichen Gebieten...

    Der Horror des Casio-Beats

    Zur Zeit toure ich als Lead-Gitarrist der "Arch-Deacon Kenneth Band". Pastor Kenneth ist möchte mich für seine Kirche gewinnen. Sie ist sehr klein und er weiß, dass die Menschen ausschließlich kommen, um mich im Gottesdienst Gitarrespielen zu sehen. Deshalb möchte er mich überall dabei haben. Vor einigen Wochen beispielsweise fuhren wir gemeinsam zur Einsetzung eines Pas-tors in die Nachbarschaft. Der Gottesdienst war etwas ganz Besonderes, enthielt er doch eine der fröhlichsten Feiern die ich je gesehen hatte - gefolgt von einer der schlechtesten musikalischen Erfahrungen die ich überhaupt in Uganda erlebt habe. Ich erzähle zuerst von der Freude. Als der neue Pastor Safari und seine Frau offiziell in ihr Amt eingeführt wurden begann eine Zeit der Danksagungen und Gratulationen für das Paar, dass vorne stand. Die Menschen kamen tanzend, singend und lachend nach vorne und schüttelten Hände und Körper. Alle paar Augenblicke begannen zwei Frauen einen Tanz - ähnlich wie in der "West Side Story" als Tony mit seiner Liebsten im Sturm tanzt. Das war der gute Teil der Veranstaltung. Der schlimme kam etwas später als CCT (der "Co-ordinating Centre Tutor"), der ein uraltes Casio-Keyboard spielt, sich entschied "funky" (oder "furchtbar") zu werden. Das Keyboard war nicht alt genug um über keinerlei drumbeats zu verfügen. Man weiß, wie schrecklich diese Rhythmen sind. Als ich hörte wie CCT die beats einschaltete, dachte ich zunächst es wäre ein Versehen. Aber mir schwante die furchtbare Wahrheit: er meinte das ernst. Es war wie ein verrückter Musikmix aus dem Hades, es klang wie Mix-Master Mike bevor er von den "Beastie Boys" entdeckt wurde - es war schrecklich. Meine liebsten Rukiga-Hymnen wurden dahingemetzelt - ich kann es nicht in Worte fassen. Üblerweise schien es außer mir niemanden zu stören. Sie waren alle nur von dieser Maschine begeistert, die solche Rhythmen produzieren konnte.

    Tiere in der Kirche

    Ebenfalls während des Gottesdienstes kam es zu einem extremen Beispiel für ein Phänomen das ich "Tiere in der Kirche" nenne. Während der Feier wurde dem neuen Pastor unter anderen Gegenständen folgende Dinge als Geschenke übergeben: eine lebendige Kuh (die leicht verwirrt schaute und nicht nach vorne gebracht werden konnte, ohne dass es zu einem Kampf und einigen Darmbewegungen kam), eine lebendige Ziege und diverse Hühner. Die Kirchen in Uganda kennen keine Diskriminierung, zumindest wenn es um Vieh geht.

    Ken Ogasawara
    Übersetzung: G. Wiebe


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