Mennonitische Aussiedler aus Russland
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    Wer bleibt in Russland?

    Aus Nowosibirsk schreibt Andrey Peters

    Emigration ist das brennendste Problem unter den Mennoniten, die in der Russischen Föderation leben. So viele Talente, ganze Familien hat sie gefordert, so viele Dorfkirchen stehen nun leer.

    Dabei hat es Zeiten gegeben, als Russland der einzige Ort zu sein schien, in dem man sich vor politischen Verfolgungen sicher fühlen konnte. So entstanden gerade hier 1789 die ersten Mennonitenkolonien, deren Einwohner nach dem Erlass der Zarin Katharina der Zweiten von 1787 Grund und Boden sowie eine Reihe von sozial-wirtschaftlichen Privilegien, nicht zuletzt Freistellung vom Wehrdienst, erhielten. Im nachfolgenden Jahrhundert gelang es ihnen, eine blühende und selbständige Gemeinschaft zu schaffen, die dank ihren Erfolgen in Ackerbau und Schulbildung ein Nachahmungsmodell für die Umgebung wurde.

    Wir bleiben!

    Seitdem ist viel Zeit vergangen. Vieles hat sich im Leben der russlanddeutschen Mennoniten wie übrigens im Leben des ganzen Landes verändert. Nur die Wanderschaft als Lebensweise ist immer noch da. Nachdem die Sowjetmacht 1923 die größten Mennonitenkolonien im Süden Russlands und an der Wolga vernichtet hatte, erschienen die ersten Emigrantenzüge. Im Laufe von sieben Jahren wanderten 20000 Mennoniten nach Kanada und Südamerika aus, wobei fast alle Kirchenleiter das Land verließen. Dann folgte die Zwangsdeportation nach Sibirien nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1941. Es verging ein Jahr nach dem anderen, und der Mennonitenstrom wollte nicht abreißen - bis zu der Zeit der Perestroika, als die Emigration einen Massencharakter annahm. Vor der Perestroika waren die Mennonitensiedlungen zahlreich und nahmen ganze Gebiete ein: heute kann man sie an den Fingern einer Hand abzählen. Zwei Mennonitenkirchen gelten im heutigen Russland als die größten, und zwar sind es die Kirche in Nowosibirsk mit 50 Gemeindemitgliedern und die Kirche im Dorf Solnzewka (Gebiet Omsk), die über 120 Mitglieder zählt, Kinder und Jugendliche nicht mitgerechnet. Sonst sind es kleine Gruppen von 12 bis 15 Mann. Wenn ich sie besuche, höre ich oft Erinnerungen der Gläubigen (meistens sind es Schwestern) davon, wie schön es früher war, als es eine große Gemeinde und einen großen Chor gab und wie schade, dass es alles mit einem Schlag zerstört wurde. Ich bin stets vom traurigen Schicksal solcher Gruppen tief bewegt. Und immer wieder bin ich begeistert vom Optimismus dieser Schwestern, die so viel Fürsorge an den Tag legen und sich die erdenklichste Mühe geben, ihre Gemeinden geistig zu unterstützen und zu ihrem geistigen Wachstum beizutragen.

    Aber die Emigration hat nicht nur Geistliche, nicht nur aktive Brüder und Schwestern fortgebracht; sie hat vielen Mennonitenkirchen die finanzielle Unterstützung entzogen. Wenig Leute - wenig Spenden, und so wird die Unterhaltung des Gebetshauses zu einem Problem.

    Die Einstellung zur Emigration derjenigen, die zurückgeblieben sind, kann recht verschieden sein. Manche sehen darin eine normale Erscheinung. 'Was ist da schon Schlechtes dabei? Letzten Endes fahren die Leute in ihre ethnische Heimat zurück" - heißt es oft. Die Ursachen der Emigration sind recht verschieden und reichen von ökonomischen bis hin zu ethnischen Problemen. Eine Ursache findet sich schon immer, wenn nur der Wunsch da ist. Was mich betrifft, so sehe ich die wichtigste Ursache der Emigration in der derzeitigen ökonomischen Krise. Man stelle sich z.B. vor, wie es einem Durchschnittsbürger von Nowosibirsk geht, wenn die Lebenserhaltungskosten in der Stadt bereits über 3000 Rbl im Monat liegen, während der Mindestlohn nach wie vor 80 Rbl beträgt.

    Auch Christus hatte es schwer

    Und dennoch gibt es eine andere Gruppe von Mennoniten, die fest entschlossen sind, zu bleiben. Drei von ihnen möchte ich hier nennen. Das ist der Pastor der kirchlichen Mennonitengemeinde von Nowosibirsk Wassili Peters, der bereits die Ausreisepapiere bekommen, aber es sich im letzten Augenblick anders überlegt hat und in Russland geblieben ist . Das ist der Pastor der Mennonitenkirche im Dorf Neudatschino (Gebiet Nowosibirsk) Gerhard Neufeld, der ebenfalls gesinnt ist, bei seiner Herde zu bleiben, obwohl er ernst krank ist und fast alle seine Kinder schon in Deutschland sind. Das ist Philipp Friesen, Pastor der Brüdergemeinde im Dorf Solnzewka (Gebiet Omsk). Was bewegt diese Menschen, einen Entschluss zu fassen, der gar nicht leicht fällt? Was bewegt zu demselben Entschluss andere Brüder, die ebenfalls am Ort bleiben trotz der verlockenden Aussicht der Emigration? Sie alle haben etwas Gemeinsames, und zwar eine feste Überzeugung davon, dass sie als Kinder Gottes kein Recht haben, über ihr Leben eigenwillig zu verfügen. Gottes Wille steht für sie höher als eigenes Wohlergehen. Der Grund ist in den prophetischen Worten des Psalmisten zu suchen: "Mein Gott, ich bin bereit, zu tun, was Du von mir erwartest" (Psalm 39:9). Diese Menschen glauben, dass das Lebensziel eines Christen nicht darin besteht, glücklich zu sein, Erfolg zu haben, redlichen Lebenswandel zu führen und nach Möglichkeit den anderen helfen. Das Ziel ist viel höher: Gottes Willen zu tun. Er hat uns das Vorrecht gegeben, Sein Zeuge zu sein, Seinen Auftrag zu erfüllen. Ja, es ist wahr: es ist jetzt schwer und schlecht in Russland, Krise, Inflation, Verfall von geistigen Werten, und kein Ende abzusehen. Aber auch Christus hatte es schwer; dennoch kehrte Er nicht zu Seinem Vater zurück, sondern vollbrachte Seine Opfertat und soll uns deshalb ein Vorbild sein. Einige von jenen, die zurückbleiben, sind überzeugt. Dass es bald eine große Wende gibt: eine Wirtschaftskrise im Westen und eine neue Blütezeit für Russland. Andere meinen, dass die Macht des Antichristen sich nur auf die westlichen Länder erstrecken wird, während Russland frei vom teuflischen Terror bleibt.

    Sowohl private als auch staatliche Organisationen im Ausland verfolgen die Ereignisse in Russland und haben bereits einige Hilfeprojekte für Russlanddeutsche ausgearbeitet. Leider erreicht diese Hilfe nicht immer jene, die sie brauchen. Einmalige Hilfeleistungen haben ja auch nur zeitweilige Wirkung. Was die Verwandten in Deutschland betrifft, so ist ihre Reaktion ebenfalls verschieden. Manche von ihnen helfen oft, andere nicht sehr, wieder andere gar nicht, weil sie der Meinung sind: ist man zurückgeblieben, ist man selber schuld und soll sich selber helfen.

    Eine effektive Hilfe für die Mennoniten könnte nach meiner Meinung ein gut durchdachtes Projekt sein, das jedoch nicht durch staatliche, sondern durch christliche Organisationen realisiert werden sollte. Zur Zeit gibt es in Moskau ein Mennonitenzentrum, das reorganisiert werden müsste. Es könnte ein solches Projekt anleiten. Es könnte z.B. eine Mennonitensiedlung sein für diejenigen, die im Land zurückbleiben und zusammenleben wollen. Das setzt aber entsprechende finanzielle Unterstützung voraus. Eine solche Siedlung würde bedeuten, dass die Mennoniten eine reale Existenzgrundlage bekommen. Aus der Geschichte ist es bekannt, dass die Mennoniten unter beliebigen Verhältnissen ihre lebensfähigen Kolonien gegründet und erhalten haben.

    Die Frage ist also: Wer bleibt in Russland?

    So verlockend auch andere Argumente erscheinen mögen, es ist klar, dass die Atmosphäre von Chaos und Angst vor der Zukunft in erster Linie die Menschen zu spontanen und übereilten Entschlüssen treiben. Unter den sehr vielen, die schon ausgewandert oder unterwegs sind, gibt es auch Wohlhabende, die selbst nicht wissen, warum sie eigentlich fahren. Und dieser Umstand an und für sich scheint ein Anzeichen der Letzten Zeit zu sein. Von der Jesus Seinen Jüngern sagte: "Auf der Erde werden die Völker zittern aus Furcht vor dem tobenden Meer und den Wellen" (Lukas, 21:25). Bekanntlich ist das Meer ein Urbild unserer Welt (Offenbarung, 17:15). Dennoch gab es schon immer und gibt es auch heute Menschen, für die Gottes Wille das höchste Kriterium bei der Lösung aller lebenswichtigen Fragen ist und die bereit sind, sich im Dienste des Herrn aufzuopfern.

    Andrey Peters


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