Charismatiker

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    Schwarze PazifistInnen

    Gerrit Wiebe über den Ursprung der charismatischen Bewegung

    Man kann es nicht darüber übersehen: die am stärksten wachsende christliche Gruppe ist die pfingstlich-charismatische. Während viele deutsche Mennonitengemeinden langsam aber sicher schrumpfen, und sich damit lieber abfinden als sich zu verändern, gibt es weltweit bereits circa 400 Millionen Anhänger dieser erst 90 Jahre alten Bewegung.
    Die auffälligsten sind meist die reaktionären Gruppen unter den CharismatikerInnen: rassistische "Promise Keepers" und erzkonservative "LebensschützerInnen" dominieren das öffentliche Bild. Sie sammeln Unmengen von

    Erzkonzervative? Rassisten? Lebensschützer?

    Geld und verstehen es, sich in der Öffentlichkeit als die einzig wahren Hüter von Gottes Wahrheit zu präsentieren. Ihre Gruppen haben nicht selten sektenhafte Strukturen. Wer davon nicht begeistert ist, wendet sich voll Grausen ab.
    Den eigentlichen Ursprung der charismatischen Bewegung kennen die wenigsten Menschen - PfingstlerInnen eingeschlossen. Sie ist die einzige weltweite christliche Kirchengemeinschaft, die von einem schwarzen Christen begründet wurde. Der 1877 geborene William J. Seymour war Anfang unseres Jahrhunderts Pastor einer Gemeinde in Los Angeles. Hier fand Verkündigung nicht in trockenen Predigten statt, sondern bestand aus Liedern, Gebeten, Tänzen, Zungenreden und Zeugnissen. Man gehörte nicht aufgrund eines fest formulierten Glaubensbekenntnis zusammen, sondern aufgrund der im praktischen Glaubensleben erfahrenen Gemeinschaft. Der Kern war eine ökumenische Gemeinschaft, in der weder Rassen noch Klassen Bedeutung hatten. Hier ließen sich sogar weiße Kirchenführer von einem Schwarzen die Hand auflegen.
    Im Laufe der Jahre entstanden Pfingstgemeinden in aller Welt. Allerdings entstanden durch unterschiedliche Einflüsse ganz verschiedene Richtungen: So entfernten sich die späteren weißen Pfingstkirchen rasch von diesen Wurzeln und entwickelten ein evangelikales Glaubensverständnis, das sich von dem ursprünglichen grundsätzlich unterschied. Das Priestertum aller Gläubigen hatte bei ihnen keinen Platz mehr.
    Die schwarzen PfingstlerInnen wurden im Gegensatz dazu zu den Vorreitern der Aufhebung der amerikanischen Rassendiskriminierung. Sie waren Teil der Bewegung um Martin Luther King und stritten genauso für die Durchsetzung pazifistischer Ü;berzeugungen.
    In Europa fand eine ähnliche Veränderung wie bei den weißen amerikanischen Pfingstkirchen statt. Auch die ersten europäischen PfingstlerInnen verstanden sich als Teil der Ökumene, wogegen ihre heutigen NachfolgerInnen meist deutliche Probleme mit der Zusammenarbeit mit anderen Konfessionen haben.
    In Lateinamerika und Afrika nahmen charismatische Gruppen die existierenden traditionellen Lebensweisen nicht als heidnische Bräuche war. Vielmehr prägten indianische und schamanistische Elemente die dortige pfingstlich-charismatischen Bewegungen grundlegend. In vielen Ländern der "3.Welt" entwickelte sie sich zu einer "Kirche der Armen" im Gegensatz zu der westlich dominierten "Kirche für die Armen".
    Die heutigen liberalen pfingstlich-charismatischen Gruppen in der Bundesrepublik sind eine sehr kleine Minderheit in der gesamten Bewegung. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß der charismatische Mainstream eher konservativ bis reaktionär daherkommt. Trotzdem sollte man es sich nicht zu leicht machen und im Rahmen einer politischen Ablehnung alle charismatische Elemente grundweg zu verdammen. Gerade amerikanische PfingstlerInnen gehören zu den wichtigsten KritikerInnen der US-Heilsevangelisten, denen manche deutsche charismatische Gruppe mit Frohlocken ein Podium bietet.

    Liberale Gemeinden in der Minderheit

    Geht man zum Ursprung der charismatischen Bewegung zurück, findet sich einiges, was für westlich geprägte, verkopfte Gemeinden interessant sein kann. Hier wurde Spiritualität gelebt und nicht nur diskutiert. Kann Theologie denn nicht mehr sein, als das richtige Interpretieren wissenschaftlicher Kommentare? Vielleicht sind die Gesänge und Bekenntnisse der ursprünglichen CharismatikerInnen ebenso theologisch wahr, wie manch systematisch-theologischer Klassiker.
    Literaturhinweis: Walter J. Hollenweger - "Über alle Grenzen hinweg", Das Sonntagsblatt (24.5.96)

    Gerrit Wiebe (Student aus Hamburg)


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