50 Jahre junge gemeinde

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    Die junge gemeinde - Typisch mennonitisch!
    Sechs Thesen zur Existenzberechtigung der junge gemeinde als mennonitisches Forum
    Von Fernando Enns

      1. Die jg lebt nicht von ihren LeserInnen, sondern von ihren SchreiberInnen

      Die JUNGE GEMEINDE ist noch nie ein Blatt gewesen mit hohen Auflagen. Das ist nicht ihr primäres Ziel. Auch wird sie nicht von allen AMG-Mennoniten abonniert, geschweige denn gelesen. Dafür kommen in ihr immer wieder Menschen zu Wort, die sonst nicht für die Tffentlichkeit schreiben. Für mich bedeutete dies zu Beginn des Studiums die Möglichkeit, erste Gehversuche zu machen im Schreiben von Artikeln. Das war damals eine schöne Herausforderung, eine Einübung im Formulieren und Meinung bilden (sich selbst und für andere), im überregionalen mennonitischen Kontext. Da die jg nicht auf Perfektionismus aus ist, sondern Engagement und Bereitschaft zu Schreiben höher bewertet, bietet sich hier ein Betätigungsfeld für die unterschiedlichsten SchreiberInnen. Ob das dann auch noch alles gelesen wird, ist vielleicht nicht die erste Frage. Wichtiger scheint hier, daß Mennoniten und andere Menschen ihre Sichtweisen nicht für sich behalten, sondern bereit sind, sie mitzuteilen. Dabei macht es einen großen Unterschied, ob man eben mal etwas sagt auf einer Versammlung, oder ob man sich die Mühe (für andere) macht, sich hinzusetzen und etwas zu Papier zu bringen, auf das man dann auch festgelegt werden kann. Die jg macht Mut, das zu tun.

      2. Die jg kann provozieren, ohne ausgleichen zu müssen.

      Die meisten Publikationen innerhalb der AMG sind darauf aus, die unterschiedlichen Meinungen innerhalb unserer Gemeinden auch ausgewogen darzustellen. In der BRÜCKE, den Gemeindebriefen und regionalen Veröffentlichungen soll - verständlicherweise - möglichst nicht zu arg provoziert werden. JedeR soll sich äirgendwie wiederfinden. Aber Provokationen können auch positiv wirken, wenn sie sich nicht auf Personen beziehen, sondern auf eine echte Auseinandersetzung in der Sache, wenn sie tatsächlich ähervorrufen". Das ist ja vielleicht die größte Gefahr unserer Zeit, das im Grunde alles im Individualismus endet. Du hast Deine Meinung, ich habe meine, du gehörst zu dieser Sorte Mennoniten, ich zu jener. Das war schon immer so, was soll"s?! - Die jg hat durchaus das Potential und sollte es sich leisten, zu provozieren, sowohl in der Themenwahl als auch in der jeweiligen inhaltlichen Ausgestaltung. Natürlich muß eine Provokation gut begründet sein, wenn sie nicht als Geschmacklosigkeit ankommen will. Darauf reagiert man/frau nämlich einfach mit Kündigung des Abos. Die Frage ist, ob es genügend AMG-Mennos gibt, die sich tatsächlich auch provozieren lassen. Ich wünschte, wir wären uns das wert.

      3. Die jg ist von Jungen (Meinungen) für Junge (Meinungen).

      Seit ich die jg kenne, gibt es die Diskussion über die Zielgruppe. Welches Alter will man erreichen? Der Anspruch steht scheinbar im krassen Widerspruch zum Alter der Abonnenten. Aber ist das nicht ein Kompliment an die älteren Semester unter uns? Zeigt das nicht die Bereitschaft bei vielen, die nicht mehr 18 oder 20 sind, sich dennoch mit Meinungen auseinanderzusetzen, die vielleicht nicht über Jahre immer nur wiederholt werden, sondern tatsächlich auch äneu" sind? - Vielleicht sogar von solchen Mennos dargestellt, deren Namen man noch nicht einmal kennt? Ich will nicht nur Dinge lesen, bei denen ich denke: ja, das mußte mal wieder gesagt werden. Ich will auch im mennonitischen Kontext von Meinungen erfahren, die ich bis dahin nicht hörte. So ist die Frage der Zielgruppe nicht so sehr eine Frage nach dem Alter, sondern m.E. eher eine Frage an die Flexibilität in den Köpfen der AMG-Mennos. Die jg sollte von jüngeren Menschen für Jüngere gemacht werden, damit auch die Älteren wissen, was die Jungen denken und damit auch die Älteren sagen können, was sie davon halten.

      4. Die jg ist eine interaktive Zeitschrift.

      Aus den oben genannten Thesen folgt diese: In der jg geht es nicht primär um Wissensvermittlung, um Darstellung von Sachverhalten, um Informationsweitergabe. Viel interessanter ist, wer sagt eigentlich was zu welchem Thema? Wie wird ein Thema angepackt? Das reizt zur Diskussion. Ich habe viele Namen in der Menno- Szene erst durch die Mitarbeit in der jg kennengelernt. Und es war durchaus interessant, wenn dann bei irgendwelchen mennonitischen Treffen jemand auf dich zukommt, dir freundlich die Hand schüttelt, sich vorstellt und sagt: was Du da geschrieben hast, fand ich aber gar nicht gut. (Es gab auch schon den umgekehrten Fall!). Daraus ergaben sich dann oft interessante Gespräche, die über das small-talk- Niveau weit hinausgingen. Solche Auseinandersetzung hilft, die eigene Meinung zu schärfen und sie auch wiederum in Worte zu fassen. Darüber hinaus lernt man die Vielfalt der Meinungen kennen und die Personen schätzen, auch wenn sie einen anderen theologischen Hintergrund haben und eine völlig andere Meinung vertreten. Neben dieser "Anstifterfunktion" war es für mich aber auch die Arbeit im Redaktionsteam, die mich viele wertvolle Kontakte knüpfen ließ. Daher ist es gut und wichtig, daß im Redaktionsteam die unterschiedlichen regionalen Verbände vertreten sind.

      5. Die Qualität der jg hängt von ihren LeserInnen (= SchreiberInnen) ab.

      Die genannten Gründe lassen den Erhalt der jg notwendig erscheinen. Dennoch sollte die jg kostendeckend arbeiten. Nicht immer, aber doch im Großen und Ganzen. Die wenigen Mittel, die wir in der AMG aufbringen können, sind an anderer Stelle mindestens genauso wichtig. Ich bin davon überzeugt, daß die jg kein Zuschußunternehmen sein muß, sie kann aus eigener Kraft leben. Aber dazu ist die Bereitschaft zur Mitarbeit von uns allen nötig (sei es im Redaktionsteam, sei es im Schreiben von Artikeln, sei es im Bezahlen von Abos). Nirgend sonst hängt die Qualität einer Zeitschrift so stark von ihren Lesern ab, wie bei der jg. Diese müssen sich engagieren und einbinden lassen und nicht nur konsumieren wollen, nicht nur zu hause kritisieren oder - was noch viel schlimmer ist - stillschweigend das Abo kündigen. Die Zeiten werden härter für solche Blätter, aber die Notwendigkeit dazu vielleicht um so dringlicher.

      6. Die jg ist vielleicht das mennonitischste Blatt, das es gibt.

      Die Junge Gemeinde verkörpert typisch mennonitische Werte, wie aus den vorangegangen Überlegungen zu sehen ist: Als interaktive Zeitschrift, die alles und alle zur Geltung bringen will; als Kommunikationsförderung unter verschiedenen Arten von Mennoniten, die nicht voneinander lassen wollen; als Begünstigerin von Doppelexistenzen von Lesern und Schreibern; als immer mit der Frage beschäftigt, ob und wie es uns noch geben muß (alle 5-7 Jahre); als immer mit ganzem Herzen geführte und von Personen abhängige Institution; und schließlich als vielleicht immer ein bißchen selbstüberschätzend (vgl. die hier angestellten Überlegungen) und idealisierend - aber gerade darin sich selbst auch anspornend zu Veränderungen.

      Fernando Enns


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