Islam

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    “Silvia ist zum Islam übergetreten”

    Im jg-Inteview: Silvia Al Saad, geborene Horsch

    Wahrscheinlich waren diejenigen von Euch, die mich kennen, ziemlich erstaunt, als vor sechs Jahren die Meldung "Silvia ist zum Islam übergetreten" die Runde machte. Bisher gab es wenig Gelegenheit zum Austausch, deshalb freue ich mich um so mehr, dass ich gefragt wurde, für diese Ausgabe der jg etwas zu schreiben. Da mir zu einem wohlformulierten Artikel leider gerade die Zeit fehlt (Magisterprüfung), habe ich mich entschlossen, auf die inhaltlichen Anregungen im Interview einzugehen.

    Wie kam es, dass Du muslimisch wurdest?
    Mein Übertritt war nicht das Ergebnis einer langen religiösen Suche. Es war eher so, dass ich ziemlich unvermutet mit dem Islam konfrontiert wurde und mich dann damit auseinandersetzen musste. Einige Zeit nachdem ich meinen heutigen Mann, einen Moslem, kennen gelernt hatte, habe ich angefangen mich mit dem Islam zu beschäftigen, weil ich seine Religion besser kennen lernen wollte. Dann habe ich aber ziemlich schnell festgestellt, dass diese Frage mich auch ganz persönlich betrifft. Ich musste mich der Frage stellen, ob Muhammad, der vor über 1400 Jahren auf der arabischen Halbinsel auftrat und behauptete, Gottes Wort zu verkünden, ein Prophet war oder nicht.

    Kein Ergebnis einer langen religiösen Suche

    Weil ich mich auf diese Frage eingelassen haben, sie irgendwann nicht mehr verneinen konnte und schließlich die Konsequenz daraus gezogen habe, bin ich zum Islam konvertiert.
    Dieser Prozess zog sich über einige Monate hin, in denen ich viel nachgedacht, gelesen, mit meinem Mann und anderen Muslimen gesprochen habe. Es gab dabei einen einschneidenden Punkt, und das war die Erkenntnis, dass der Koran nicht von einem Menschen aus dem 7. Jh. n. Chr. verfasst worden sein konnte. Ich erfuhr von Aussagen im Koran, die sich mit Phänomenen in der Natur befassen, die zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht bekannt waren, wie z.B. die Entwicklungsphasen des Embryos, Grenzschichten zwischen den Meeren, etc. Ab diesem Punkt konnte ich nicht mehr zurück, weil ich dann wider besseres Wissen gehandelt hätte.

    Welche inhaltlichen Schwerpunkte waren und sind dabei von besonderer Bedeutung?
    Ich habe mir natürlich über viele Fragen und Themen eine Menge Gedanken gemacht, so dass ich hier am besten nur zwei Dinge herausgreife:
    Sehr angesprochen hat mich das streng monotheistische Gottesbild im Islam. Es gibt nichts, was in irgendeiner Weise mit Ihm vergleichbar wäre. Deswegen gibt es auch keine vermittelnde Instanz zwischen Gott und dem Menschen, sondern der Mensch steht Gott alleine, mündig und unabhängig gegenüber. Zur Vergebung reicht es aus, dass der Mensch seine Tat aufrichtig bereut und sein Verhalten ändert, es ist kein weiteres (stellvertretendes) Opfer notwendig. Die Nähe zwischen Gott und dem Menschen wird in einem meiner Lieblingsverse aus dem Koran ausgedrückt: "(...) Wir sind ihm (dem Menschen) näher als seine Halsschlagader." (50:16)

    Zumeist gute Aufnahme durch andere Muslime

    Damit zusammen hängt die Betonung der Selbstverantwortlichkeit des Menschen, die auf mich einen starken Eindruck gemacht hat. Ich selbst und niemand sonst stehe für mein Handeln ein. Das ist eine große Herausforderung, die bei mir dazu geführt hat, dass ich viel bewusster lebe, handle und Entscheidungen treffe und mich auch genauer frage, was eigentlich meine Absichten hinter diesen Entscheidungen sind.
    Dieser Selbstverantwortlichkeit liegt ein positives Menschenbild zugrunde, das mir sehr gefallen hat, nämlich dass der Mensch von Natur aus das Gute erkennen kann und zum guten Handeln fähig ist. Nur aufgrund dieser Voraussetzung kann Gott den Menschen zur Rechenschaft ziehen, da Er niemandem mehr zumutet als das, wozu er/sie in der Lage ist: "Allah fordert von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten vermag.” (2:186)

    Wie haben Freunde und Verwandte reagiert?
    Für meine Eltern war es sicherlich nicht einfach, weswegen ich es ihnen hoch anrechne, dass sie mir nie Vorwürfe gemacht haben oder versucht haben, mich umzustimmen. Meine Schwestern hatten mit meiner Konversion kein Problem. Was die Reaktion im Menno-Umfeld betrifft, hat meine Schwester Corinna wohl sehr viel mehr mitgekriegt als ich. Das hing aber auch damit zusammen, dass ich einige Monate vor dem Übertritt nach Berlin umgezogen bin, und der Kontakt - auch zu anderen alten Freunden - dadurch sowieso schon sehr wenig geworden war. Was mein sonstiges Umfeld betrifft, reagiert dieses natürlich vor allem auf das Kopftuch. Aber das ist ein Thema für sich, das hier den Rahmen sprengen würde... - Wer sich dafür interessiert, kann meinen "Erfahrungsbericht" im Internet, siehe unten, nachlesen.

    Wie reagieren geborene Muslime auf eine deutsche Konvertitin?
    Die allermeisten sind natürlich ganz begeistert. Es gibt aber auch solche, die ähnlich wie viele Nichtmuslime das Vorurteil haben, dass der Übertritt im Endeffekt doch meinem Mann zuliebe stattgefunden hat. Sehr enttäuscht war ich einmal, als mich eine türkische Putzfrau an der Uni beim Beten unter der Kellertreppe angetroffen hat und mich danach ansprach: "Du betest? Du liebst deinen Mann wohl sehr..." - Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
    Das sind meistens Muslime, die eher aus kultureller Gewohnheit, als aus selbst gewonnener Überzeugung sich dem Islam zugehörig fühlen.
    In der Moscheegemeinde, der ich mich angeschlossen habe, haben mich die geborenen Muslime (verschiedener Nationalitäten) sehr herzlich aufgenommen.

    Wie hat sich dein Leben durch den Religionswechsel verändert?
    Es gibt natürlich viele Veränderungen, das Essen (kein Alkohol mehr) und die Kleidung sind nur zwei davon. Der Tagesablauf hat sich verändert durch das fünfmalige Gebet, der Jahresablauf durch den Fastenmonat Ramadan, eine Erfahrung, die ich immer wieder besonders schön finde. Was die Freizeitgestaltung betrifft, fallen einige Sachen weg (Kneipen, etc.).
    Entscheidend sind für mich vor allem die "inneren" Veränderungen: Meine Einstellung zum Leben, meine Prioritäten haben sich verändert, weil meine Beziehung zu Gott eine andere, intensivere geworden ist. Ich habe eine Gewissheit im Glauben und eine innere Zufriedenheit gewonnen, von der ich vorher nicht dachte, dass das in diesem Grad für mich überhaupt möglich wäre.

    Gibt es Ähnlichkeiten oder Parallelen zwischen dem praktischen christlich-mennonitischen Leben und deinem muslimischen?
    Dazu müsste man definieren, was "praktisch" bedeutet. Da der Islam Religion, Lebensweise und Denksystem in einem ist, ist jede Handlung, die nicht im Widerspruch zu den Geboten Gottes steht, Ausdruck des praktischen muslimischen Lebens im Sinne von Gottes-Dienst.
    Wenn ganz konkret z.B. Gemeindearbeit gemeint ist, so engagiere ich mich ähnlich wie ich es damals in der Jugendgruppe u.ä. gemacht habe, heute in meiner Moschee-Gemeinde. (Zur Zeit leider eher weniger wegen Arbeit und Studium.)

    Gab es manchmal Zweifel, dass der Schritt richtig war?
    Nein.

    Und was du sonst nach sagen willst...
    ...kann man unter dem Appell zusammenfassen: Sich ein eigenes Bild machen! In dieser Zeit wird man von Informationen über den Islam geradezu überflutet, aber vieles davon ist eher dazu angetan, die bestehenden Vorurteile noch zu verstärken, als zur Verständigung beizutragen.
    Ich wünsche mir, dass Christen und Muslime sich gegenseitig besser kennen lernen. Es geht dabei zum einen um das Wissen im Sinne von Sachinformation, aber vor allem um das Kennen lernen der Denk- und Lebensweise, die sich nur im Kontakt mit Angehörigen der anderen Religion erfahren lässt.
    Ich versuche, meinen Beitrag dazu mit meiner Internetseite zu leisten und würde mich über BesucherInnen freuen, vor allem aber auch über persönlichen Kontakt mit denen, die mich noch kennen und denen, die mich nicht mehr kennen gelernt haben! Also, bis hoffentlich bald, Eure Silvia

    Die Fragen stellte Gerrit Wiebe

    Kontakt per E-Mail zu Silvia Al-Saad oder über ihre eigene Homepage unter www.al-sakina.de.


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