Mennonitische Architektur und Kunst

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    Moderne Kunst und Kirche?

    Von Thomas Schamp

    Beide Worte fangen mit K an, aber das scheint auf den ersten Blick auch schon das einzig Verbindende zu sein. Wenn man jedoch genauer hinsieht, entdeckt man vereinzelt Brücken und Brückenbauer zwischen Kunst und Kirche am Werk. Was sind das für Personen? Es sind in der Hauptsache Priester, PastorInnen und KünstlerInnen, die Interesse aneinander gefunden haben. Nachdem die Kirche als Hauptauftraggeber früherer Jahrhunderte weggefallen war und die Malerei sich von der Auftragsarbeit hin zur autonomen Kunst entwickelte, gibt es ab den 1970er Jahren wieder einige Berührungspunkte.

    Auf der Kirchenseite ist es oft die Initiative von einzelnen katholischen Geistlichen, wie Pater Friedhelm Mennekes aus Köln und Horst Schwebel, die schon etliche Ausstellungen und Bücher mit namhaften Künstlern wie Baselitz, Hrdlicka, Bacon, Beuys, Lüperts, Rainer und Tapies herausgebracht haben. Der katholischen Kirche scheint dieser Dialog leichter zu fallen als den protestantischen Kirchen. Wahrscheinlich liegt das an ihrem offenerem Verhältnis zu Bildern im sakralem Raum. In der Presse tauchen immer wieder Berichte auf, in denen eine Kirchengemeinde ein geschenktes Altarbild eines modernen Künstlers ablehnt. Ein Beispiel hierfür ist ein Kruzifixbild von Baselitz. Auf diesem wild gemalten, kräftigen Bild hängt Jesus natürlich a la Baselitz auf dem Kopf. Die Kirchengemeinde im regte sich heftig auf und es kam zum Konflikt, worauf der Künstler sein Bild wieder einpacken musste. Geschätzter Marktwert des Bildes: ca.150.000 DM.

    Gotteslästerung?

    Ähnlich erging es Stefan Balkenhol. Bei einer Arbeit in Inzell, die aus drei Figuren bestand, wurde ihm Profanisierung und Gotteslästerung unterstellt. Die mittlere Figur galt als Jesus. Die rechte wendete sich von dieser ab. Seine Gegner meinten, er wolle die Menschen zum Kirchenaustritt bewegen. Er musste die Arbeit abbauen. Balkenhol ist der Shootingstar der Bildhauerszene. Es gibt natürlich auch Positivbeispiele zu berichten, die ich später unter die Lupe nehmen will.

    An Orten, wo es mennonitische Gemeinden gibt, sind zwei Kirchen besonders zu erwähnen. Die Pax-Christi-Gemeinde in Krefeld ist meiner Meinung nach das beste Beispiel, wo hochwertige Kunst in einen sakralen Raum integriert ist und den Raum prägt. Karl-Josef Maßen hat ein Bronzekreuz als Kruzifix von Matare', einen Altar von Rückriem, ein Nagelboot von Uecker, ein Hungertuch von Droese und vieles mehr gesammelt. Im Rahmen einer Kunstexkursion habe ich diese moderne Kirche vor ca. acht Jahren besichtigt. Besonders einprägsam fand ich die Arbeit von Chihiro Shimotani, der die 10 Gebote auf zehn Tafeln gemeißelt und jeweils ein Gebot ausgemeißelt hatte. Diese Kirchengemeinde hat durch einen sehr kunstinteressierten Priester viele Arbeiten geschenkt bekommen, ihnen aber auch angemessenen Raum gegeben. Dabei bleibt die Kirche ein Gottesdienstraum. Meine damalige Kunstprofessorin D. v. Windheim wollte dieser Kirche auch erst eine Arbeit zur Verfügung stellen, entschied sich dann aber anders, weil sie nicht wollte, dass ihr Bild als Kruzifixersatz angebetet würde.

    Zunächst sind es keine religiösen Arbeiten

    Vor ungefähr einem Jahr hat in Wolfsburg-Westhagen eine Kirchengemeinde eine Relieffigurengruppe von Stefan Balkenhol erhalten. Diese Arbeit kenne ich leider noch nicht im Original, sondern nur von Abbildungen. Statt eines Kruzifixes zeigt der Künstler Menschen wie dich und mich. Sie starren in die Leere oder schauen die Besucher an. In einem Interview mit Andreas Franke erklärt Balkenhol: "Ich habe diese Arbeiten ausgeführt unter der Bedingung, dass ich nicht gezwungen werde, eine bestimmte religiöse Botschaft oder Geschichte wiedergeben zu müssen. Die Arbeiten sind ikonografisch zunächst nicht religiös. Erst der Zusammenhang, d.h. der Ausstellungsort in der Kirche, rückt sie in den religiösen Kontext. .... Trotzdem meine ich, dass Haltung und Ausdruck der Figuren sehr wohl auch etwas Sakrales haben können, selbst wenn sie keine nachzulesende Geschichte aus der Heiligen Schrift verkünden oder durch Attribute auf einen religiösen Zusammenhang verweisen. ...Mit meinen Skulpturen im Kirchenraum mache ich ein Angebot an die Gemeinde, sich mit meinen Figuren zu identifizieren. Ich habe aber auch nichts dagegen, wenn sich jemand eine Bibelgeschichte dazu denkt. Letztendlich geht es ja in der Bibel um Menschen und ihr Verhältnis zu Gott, aber auch um ihr Verhältnis zueinander. Jedenfalls liegt mir nichts ferner, als die religiösen Gefühle der Gläubigen zu verletzen oder Blasphemie zu betreiben. Wer das denkt, hat mich mutwillig falsch verstanden."(1)

    Als ich eine seiner Abbildungen sah, dachte ich spontan an Nächstenliebe, Christus steckt in uns Menschen usw.. Obwohl die Arbeit ganz normale Figuren zeigt, funktioniert sie. Woran liegt das? Natürlich am Raum, der eindeutig besetzt ist. Für Balkenhol ist der Bestimmungsort mitentscheidend für die Arbeit. Gerade Bildhauer, die meistens im öffentlichen Raum ausstellen, müssen die Umgebung in ihre Arbeit einbeziehen, in diesem Fall Kontakt mit der Kirche aufnehmen. Balkenhol ist ein Beispiel für diejenigen Künstler, deren Arbeiten tieferliegende menschliche Schichten ansprechen und die dadurch bereit sind, auch in Kirchen auszustellen.

    Das Klischee, dass Künstler revolutionäre Exzentriker seien und die Kirche eine vermuffte und konservative Institution, scheint an dieser Stelle überwunden. Erfolgreiche Künstler sind meist viel und strukturiert arbeitende und gut organisierte Spezialisten. Die Kirche vor Ort, nicht die Institution, ist oftmals vom Engagement moderner Menschen geprägt. Ich glaube, Künstler reizt es deshalb, in Kirchen auszustellen, weil dieser Altarraum die Arbeiten "heiligt", und die Künstler erproben wollen, ob ihre Arbeit dieses Spannungsverhältnis aushält. Die moderne Kunst hat sich recht weit von der Gesellschaft entwickelt. Das merkt man unter anderem auch an den Formaten. Viele Bilder passen in kein normales Haus. Kirche hat natürlich Platz und ist ein Ort der Ruhe, ohne Werbung. Gerade Bildhauer wünschen sich diese Umgebung oft, denn im öffentlichen Raum konkurrieren sie mit Lärm, Hektik und Leuchtreklame.

    Ein weiterer Aspekt ist, dass in die Kirche Menschen kommen, die Zeit haben, sich eine Arbeit während eines Gottesdienstes anzuschauen, die aber selten einen Fuß in eine moderne Kunsthalle oder Galerie stecken würden. Künstler erreichen somit kunstfremde Zielgruppen, und Bilder sollen vor allem angeschaut werden. Über die Kirche käme die Kunst der Gesellschaft ein Stück näher.

    Kunst kann oft auf Philosophie, Religion oder Mystik basieren oder auf sie zurückgreifen. Wenn Künstler diese selbst betreiben, sind sie oft keine guten Theoretiker und Philosophen. Eine große Ausnahme stellt Joseph Beuys dar. "Der mit der Fettecke? - Genau der!" Zugegeben, Beuys ist tot und die Kunst hat sich weiterentwickelt. Heute glaubt kaum ein Künstler mehr, dass seine Kunst die Welt zum Besseren verändern kann. Diesen Anspruch hatte Beuys noch, zumindest als Kunstfigur. Beuys sah sich als Künstler in der Rolle eines Schamanen. Er war geprägt von der Anthropologie Steiners und seiner katholischen Erziehung. "Beuys to christus" ist ein Interview in Buchform,

    in dem Beuys sich zu seiner Auffassung vom Christentum äußert. Beuys sieht die Erde durch eine Nabelschnur mit Gott verbunden. Diese Nabelschnur war Jesus Christus und durch ihn floss Liebe in die Welt. Beuys nennt sie Energie. Beuys glaubt nicht, dass Jesus Christus als Person wiederkommt, sondern es in der Bibel so gemeint ist, dass die göttliche Energie, die in die Welt durch Jesus geflossen ist, wieder freigelegt werden muss und somit wiederkommt. Dabei kann sie ihre Form und Konstitution verändern. Aus diesem Grund arbeitet Beuys oft mit Materialien, die sich verändern. Fett kann hart sein, oder fließen. Als Künstler will Beuys diese Energie freilegen. Im Bild gesprochen schlüpft er in die Rolle des Priesters oder identifiziert sich mit Christus, wie z.B. bei der Fußwaschung. Als Professor nahm er die gescheiterten Kunststudenten in seine Klasse auf. In vielen Kunstaktionen solidarisierte er sich mit Schwachen und Randgruppen.

    "Jeder Mensch ist Künstler"

    Er erweiterte den Kunstbegriff und sagte: "Jeder Mensch ist ein Künstler." Das soll nicht bedeuten, dass wir alle künstlerisch begabt sind, sondern alle diese Energie in uns haben und sie freilegen sollen. Diesen Prozess der eigenen Umwandlung und liebevollen Mitgestaltung der Umwelt nennt Beuys eine "soziale Plastik". Trotz aller Ethik nahm sich Beuys als Künstler wahr und blieb in dieser Rolle, mit Hut und Weste als Markenzeichen. Er vermittelte eine recht handfeste Kunstform von Christentum. So ließ er auf der vorletzten Dokumenta in Kassel 7000 große Basaltsteine auf den schönsten Platz der Stadt kippen und erklärte diese Steinhalde zum Kunstwerk, das nur abgebaut werden dürfte, wenn die Bürger und die Stadt für jeden Stein eine Eiche kaufen und pflanzen würden. Auf diese Weise erreichte er als Künstler die Begrünung Kassels. Das war also kein Werk eines Spinners, sondern eine geplante soziale Plastik zur Verbesserung der Umwelt. Zu diesem Zeitpunkt war Beuys schon ein künstlerisches Schwergewicht, der diese Tatsache einzusetzen wusste.

    Als Meisterschüler von Matare' arbeitete Beuys am Anfang seines Schaffens über fünf Jahre an Kreuzen. Das hier abgebildete Beispiel zeigt auf dem Kreuz die Symbole Sonne und Lamm (auf dem Kopf). In dieser Zeit konzentrierte er sich auf die christliche Symbolik, merkte dann aber, dass er neue Zeichen schaffen und sich vom Gegenstand entfernen muss, um etwas über ihn auf einer grundlegenderen Ebene auszusagen. Beuys sagte rückblickend: "Es ist am Anfang der Versuch, sich an das spirituelle Ganze erst einmal von dieser Seite heranzutasten, das einem - wie soll ich es sagen - von der Tradition her geläufig ist. Auch im Sinne eines gewissen Schemas. Das war mir schon klar. Ich habe versucht, handwerklich zu prüfen, ob es überhaupt noch eine Möglichkeit gibt, so etwas darzustellen. .... Und da wird mir klar, dass über diesen abbildlichen Weg mit dieser Christusfigur das Christliche selbst nicht zu erreichen ist. Jedenfalls nicht durch mich." (2)

    Fußwaschung im Zivilschutzraum

    Daraufhin folgten hauptsächlich Aktionen, wie die Celtic von 1971. Sie enthielten christliche Rituale, die durch den Kontext aber abgewandelt wurden. Beuys startete mit einer Fußwaschung an sieben Personen in einem Zivilschutzraum in Basel. Dann meditierte er auf dem Boden, sammelte Gelatine, die an den Wänden klebte, in ein Blechgefäß und schüttete diese anschließend über seinen Kopf. Schließlich kniete er in einer Wanne, und ließ Wasser aus einer Gießkanne über sich laufen. Das Ende dieser Aktion, nämlich die verfremdete Taufe bezog sich wieder auf den Anfang, das Fußwaschen. In diesem Kontext sieht Beuys die Taufe als diakonischen Appell, für andere etwas zu tun und sich für sie einzusetzen. Ich glaube, dass er die Kunstform eines Wiedertäufers sein könnte, aber an sich keiner ist. Gelatine von den Wänden abzusammeln, ist unmennonitisch und hat mit Christentum nichts zu tun! Beuys wählt Gelatine als Symbol für eine Veränderung (flüssig-fest). Nach seiner These wird bei einer Veränderung Energie sichtbar. Dieses setzt er mit dem Freiwerden der göttlichen Liebe gleich, die er freilegen will, um die Welt zu retten. Beuys ist kein Theologe und im Sinne der Kirche ein Sektierer und Schwärmer. Aber genau so produziert er sich. Er hält die Institution Kirche mit ihrer machtpolitischen Geschichte für den falschen Weg des Christentums. In diesem Zusammenhang nennt er Christus "den Erfinder der Dampfmaschine". Damit will er nicht Jesus beleidigen, sondern pointieren, dass staatskirchlich geprägte Länder die Weltwirtschaft und den Fortschritt dominieren. Aus dieser Tatsache leitet er die Vermutung ab, dass die christliche Lehre der Kirche die Industrialisierung erst ermöglicht hat. Da er mit Kirche nicht übereinstimmt, den Inhalt aber für wesentlich hält, entwickelt er verfremdete Formen und Ausdrücke.

    Christus - der Erfinder der Dampfmaschine

    Dieses manifestiert sich erst in Aktionen und später in Objekten. Bei den Objekten zeigt sich dann in ihrem Verständnis aber wieder, wie dicht Beuys noch an der katholischen Kirche ist. Viele seiner Arbeiten haben ein aufgestempeltes rotes Kreuz. Bei der "Kreuzigungsgruppe" ist es am mittleren Holz auf einem Zeitungsfetzen. Dieses Kreuz zeichnet Beuys Arbeiten aus, die seiner Meinung nach Energie beim Betrachten freilegen. Sie übernehmen also den klassischen Sinn von Heiligenbildern und können als Spuren einer Pilgerreise zu verstehen sein. Das blutrote Kreuz ist bei Beuys das interne Gütesiegel, ob eine Arbeit in seinem Sinne funktioniert. Dabei hat er das Kreuz in seiner Form und Farbe abgewandelt. Man assoziiert das "Rote Kreuz" und Blut. Bei der hier gezeigten Kreuzigungsgruppe waren die leeren Flaschen ehemals Blutkonserven. Beuys kritisiert und bestätigt gleichzeitig den blutigen Aspekt von Ostern und hinterfragt die Gewalttätigkeit des zentralen christlichen Symbols, des Kruzifixes.

    Was hat Kunst mit Kirche zu tun? Im Fall von Beuys gar nichts und doch viel. Er ist jemand, der sich mit Christus identifiziert, ihn in der Kunstsprache abwandelt und dabei nicht immer logisch nachvollziehbar bleibt. Zusätz-lich redet Beuys in einer anderen Terminologie und will bewusst etwas mystisch bleiben, um als Kunstfigur ein letztes Rätsel zu behalten. Als Künstler schafft Beuys Zeichen und symbolhaltige Arbeiten, die auf das christliche Grundsymbol inhaltlich und formal bezug nehmen, aber wohl selten in einer Kirche zu sehen sein werden, weil sie inhaltlich zu stark mit dem Wahrheitsanspruch von christlicher Glaubensüberzeugung konkurrieren und formal zu weit entfernt von den alltäglichen Sehgewohnheiten der Menschen sind. Theologisch ist der Beuysansatz vom Christusimpuls als positive Ausgangsenergie unklar.

    Arbeiten von KünstlerInnen, die nicht solch einen politisch-religiösen Ganzheitsanspruch haben, sondern unter anderem in Kirchen ausstellen, weil sie etwas über den Menschen aussagen, ohne gesellschaftliche Probleme lösen zu wollen, wie Stefan Balkenhol, sind vereinzelt in Kirchen aufzufinden. Klar bleibt, dass der Altarraum der Kirchen seine Raumwirkung über die Jahrhunderte kaum verloren hat, und somit nicht jede Kunst dort hinein passt. Sie darf nicht zu dicht am Kruzifix angesiedelt sein, aber sollte die Menschen tiefenpsychologisch ansprechen und beschäftigen. Künstler wie Nitsch, der den sektenähnlichen Wiener Aktionismus mitbegründete, oder Beuys mit seinem intellektuellem Menschheitstraum befinden sich mit ihren Standpunkten zu dicht an der Kirche und werden als Verfremdung und Konkurrenz von dieser oftmals aufgenommen.

    Thomas Schamp

    Literaturhinweise:

  • Stefan Balkenhol, Vor Ort, S. 51, Ostfildern-Ruit 2001
  • Joseph Beuys in: G. Rümbold, Der Streit um das Bild, S. 234, Stuttgart 1988

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