Kinder

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    Jesus - ein Kinderonkel?

    Die Jugendpastorin Martina Basso über Gottes Kinder

    "Und sie brachten Kinder zu ihm, dass er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren die an, die sie trugen. Da es aber Jesus sah, ward er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage Euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie." (Markus 10, 13 - 16)

    Ist sie nicht rührend, diese Geschichte? Jesus herzte die Kleinen, berührte sie, ja, segnete sie. Dazwischen die unverständigen Jünger, die das Rührende dieser Szene zunächst nicht begreifen und sich als Jesu Ordnungskräfte aufspielen. Kaum eine Kindertaufe, wo sich die PatInnen nicht darum reißen, diese liebreizende Geschichte zu verlesen. Jesus - ein Kinderonkel?

    Wie rührend!

    Auch dieser kurzen Geschichte aus der Bibel wird stets versucht, Gewalt anzutun, indem sie verniedlicht wird. Letztendlich ist die Botschaft an die so genannten Erwachsenen gerichtet. Der Wortlaut "Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes" erinnert wörtlich an die Seligpreisungen. Wie von den Armen, so sagt Jesus von den Kindern: "Ihnen gehört das Reich Gottes".

    Keine Kinderevangelisation

    Bedingungslos. Nicht erst, wenn sie schön brav sind oder fleissig ihre biblischen Verse und Gebete auswendig gelernt haben. Nichts von alledem, sondern einfach: "Ihnen ist das Reich Gottes!" Aber: Verpasst Jesus da nicht eine Chance? Die Chance, den Kindern ein paar ermahnende, beherzigenswerte Worte zu sagen, eine Kinderpredigt oder Sonntagsschule abzuhalten, gar Kinderevangelisation zu treiben? Müssen die Kinder nicht erst für das Reich Gottes noch erzogen und reif werden, allerhand lernen, bis sie soweit sind? Wohin mit unserem erwachsenen Drang zur kontinuierlichen Belehrung? Jesus aber dreht den Spieß um: Ihr Erwachsene seid es, die von den Kindern allerhand lernen müsst! Nicht Ihr seid die Missionare an ihnen - sie sind die Missionare an Euch!

    "Wahrlich, ich sage Euch: Wer das Reich Gottes nicht aufnimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen."
    Kinder können "aufnehmen": direkt, intensiv, mit Selbstverständlichkeit. Sie haben noch keine schützenden Panzer aus Skepsis und schlauer Anpassung ausgebildet. Deshalb sind sie auch wehrlos und gefährdet den Einflüssen gegenüber, die von der Erwachsenenwelt ausgehen. Aber diese verletzliche Aufnahmefähigkeit ist auch ihre Stärke. Dem Maler Paul Klee wurde einmal der vermeintliche Vorwurf gemacht, so wie er male, das könne ja jedes Kind. Er antwortete darauf: Das ist es eben: Die Kinder kön- nen's!" Mensch könnte auch sagen: Die Kinder haben's, was die so genannten Erwachsenen erst wieder zusehen müssen, dass sie's bekommen. Bitte keine Missverständnisse: Hier geht es nicht um die romantische Idealisierung von Kindern, hier geht es darum, dass Kinder uns etwas voraushaben, nämlich ihren (noch) unerschütterlichen Glauben an Gott. Nee, nee, dies ist kein Appell daran, in Glaubenssachen kindliche Naivität walten zu lassen! Das wäre fatal und bewiese keineswegs fromme Einfalt, sondern heimliche Verachtung gegenüber dem Wagniss Glauben, wenn unser Glaube nicht in den Lebensprozess des Reifens, Werdens und der Differenzierung einbezogen bleibt. In diesen Prozess bleibt Glaube allerdings nur einbezogen, wenn er kritischen Fragen und Zweifeln ausgesetzt wird.

    Den Intellekt für Gott mobilisieren

    Im Glauben reifer werden heisst gerade: durch Fragen und Zweifel zu einem vertieften Glaubensverständnis zu kommen. Also nichts mit geistiger Bequemlichkeit, die als Kindlichkeit im Glauben getarnt wird! Alle Kräfte, die Gott uns geschenkt hat - also auch die des Intellekts und des Denkvermögens, sollen mobilisiert werden, wenn es um das Reich Gottes geht!

    Von den Kindern lernen

    Gerade, wenn wir unser Denkvermögen beanspruchen, werden wir feststellen: das Große ist einfach. Die Zusage nämlich, dass wir Gottes Kinder sind. So einfach diese Zusage ist, so folgenschwer bleibt sie und bedarf all unserer Kräfte, um daraus in den verschiedensten Lebensbereichen die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Das Entscheidende selbst aber, die Zusage, dass wir Gottes Kinder sind, die gilt es anzunehmen - direkt, vertrauensvoll, intensiv, mit Selbstverständlichkeit. Eben: Wie ein Kind. Gemeinde hat unter anderem ein einladender Ort für Kinder zu sein. Es macht allerdings einen riesigen Unterschied, ob die Kinder belehrt werden oder ob ihnen ihr Recht auf die befreiende Botschaft gewährleistet wird.

    An einigen Punkten wird der Unterschied zwischen diesen beiden Wegen deutlich:

  • 1. "Versöhnung von Rettungs- und Schöpfungsspiritualität"
    Das Evangelium von Jesus Christus ist zwar zentral, Gottes Segenswirken in der Schöpfung bleibt aber dessen Grund legende Voraussetzung.
  • 2. "Vom Lehrsatz zum Erfahrungsschatz"
    Das Evangelium muss in den Grunderfahrungen der Kinder verankert sein: in der Erfahrung der Faszination, des Staunens, des Akzeptiertseins, der Zärtlichkeit, des Getröstetwerdens und des Verzeihens, des Handelnwollens und der Hilfsbereitschaft.
  • 3. "Kindgerechte Verkündigung ist nicht der verlängerte Arm elterlicher Erziehungsziele"
    Es fragt die Tochter ihren Vater: "Papa, bekomme ich ein Brüderchen?" Antwort: "Das musst Du den lieben Gott fragen." Erwachsene sollten nur auf Gott zu sprechen kommen, wenn es ihnen wirklich um Gott geht.
  • 4. "Gehorsam kontra Vertrauen"
    Wir werden nicht dadurch mündige ChristInnen, dass wir Lehrsätze unbezweifelbar für wahr halten, sondern dadurch, dass wir uns auf Gottes Zusagen verlassen. Glaube wird dann nicht als einengend erlebt, sondern als bereichernd und befreiend, als Quelle der Geborgenheit und der Hoffnung.
  • 5. "Bereitschaft zur Infragestellung"
    Wer die Bibel darstellt als ein Buch ohne Widersprüche und mit schneller Auswertbarkeit, das mir die Sicherheit vermittelt, die ich brauche, der stellt die Bibel primär in den Dienst seiner eigenen Interessen und Unsicherheiten. Der wunschbestimmte Glaube hat es nötig, sich gegenüber dem Zweifel und dem kritischen Denken zu immunisieren. Unbefangener Glaube kann sich einlassen auf das Wagnis Leben und auf das vielschichtige Bild der Bibel.
  • 6. "Privater Glaube kontra Verantwortung im Glauben"
    Das Evangelium von Jesus Christus gilt der ganzen Wirklichkeit und sprengt damit die Grenzen religiöser Sonderwelten, Nischen und Bollwerke.
  • 7. "Echt und ehrlich im Glauben"
    Wenn Glaube "erlebnisverwurzelt" ist, kann mensch sich seine wahren Empfindungen eingestehen und muss nicht vom "Sieg des Glaubens" reden, dessen Heldengebaren ihn krank statt heil macht.

    "Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder..."
    Diese "Sieben Eckpfeiler der Glaubensvermittlung" können und wollen nur Orientierungspunkte sein. Sie sind nicht zum Nacheinanderabhaken gedacht, sondern wollen Wegweiser auf dem Weg zur befreienden Botschaft sein - ein Leben lang und nicht "nur" für die Begleitung von Kindern.

    Martina Basso


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