Maria

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    Maria - wer bist du?
    Doris Hege schreibt an Maria

    Liebe Maria, wer bist du eigentlich und was ist aus Dir gemacht worden? Ich bin neugierig, ich lese alle die Stellen, in denen Du in der Bibel genannt bist und ich staune, wie wenig davon bei all den Überlieferungen geblieben ist. Mir kommen Fragen, manches geht mir neu auf und ich will Dir einfach einen Brief schreiben.

    Gezeigt wirst du auf vielen Bildern, in Kirchen usw. Meist sind Bilder von der Weihnachtszeit dargestellt. Du als Mutter Jesu, jungfräulich. Du als die unbefleckte Frau, Du als heilige, unerreichbare, sündlose Frau, göttlich, ohne Fehl, lieblich dargestellt, ohne eigenen Willen. Ich kenne ein Bild, auf dem Du Jesus züchtigst und ich kenne ein Bild, auf dem Du lesend bei der Familie sitzt und Josef sich um Jesus kümmert. Letztere gefallen mit schon besser.

    Wer bist Du, Maria? In der katholische Kirche als Vermittlerin zu Gott gefeiert, rein und unbefleckt. Das habe ich nie so ganz verstanden. Aber was von dieser Deiner Unbeflecktheit, Deiner Reinheit, Deiner Ergebenheit an moralischem Druck und Unterwerfung gegenüber Frauen geschah, das kann ich wohl erahnen. Die Mariologie, die Lehre von Dir (soweit ist es gekommen!) hat ein Frauenideal aufgebaut, das an Mutterschaft und Asexualität gekoppelt ist. Verhaltensweisen wie Unterwerfung, Gehorsam und Demut werden hochgehalten und wir als weibliches Geschlecht entwertet und unsere Sexualität negiert. Zwar habe ich nicht Mariologie gelernt, und doch bist Du, Maria, mir am meisten begegnet als "Medium" der Geburt Jesu. Also entweder erhöht oder zurückgedrängt worden bist Du.

    Wer bist Du, Maria? Du hast Dich berufen lassen, auf Gottes Heilsweg mitzugestalten. Du bist nicht die selbstverleugnende Magd, zu der Du gemacht wurdest. -Ich muß sagen, die Sprache ist mal wieder interessant. Magd des Herrn bedeutet im hebräischen dasselbe wie Gottesknecht. Was ein Unterschied in unserem Verstehen!- Du bist eine Frau, die eigenständig entscheidet, ob sie die Berufung Gottes annimmt. Sicherlich ist Dir nicht klar, was das alles bedeutet. Aber Du läßt Dich darauf ein. Was mir gut tut ist, daß Du nicht allein deinen Weg gehst, sondern bei Elisabeth Unterstützung suchst. Ja, gemeinsam, in gegenseitiger Solidarität, da geht es sich leichter. Danke für diesen Weg. Und dann, dann wirst du zur Prophetin. In Deinem großen Lied erkennst Du die Zeichen der Zeit. Du erinnerst Dich an das, was über Gott und Gottes Sohn gesagt ist. Dein Reden ist ganzheitlich. Es geht um radikale Veränderung an Leib, Seele und Geist und Du benennst Schuld. All das sind Kriterien von Prophetie. Maria, als 1996 beim Weltgebetstag die Frauen aus Haiti die Berufung des Jeremia und Deine Berufung im Gottesdienst miteinander verbunden haben, da gab es so manche Kritik, Dich als Prophetin zu sehen. Für mich ist damit eine Seite mehr von dir deutlich geworden.

    Ja wer bist Du, Maria? Als Jungfrau sollst Du geboren haben - und das soll ich glauben? Ja ich glaube, daß Gott sich in Deinem Sohn Jesus im besonderen zeigt und ich erlebe Heil werden und Heil sein. Aber Lukas hat doch vor allem von der Jungfrauengeburt berichtet, damit die Menschen verstanden, worum es geht. Gott zeigt sich in Christus! Jungfrauengeburt, das kannten die Menschen aus der ägyptischen Tradition. Sie verstanden das Zeugnis des Lukas. Sie verstanden das Erscheinen des Göttlichen. Aber Dich auf das reale Geschehen von Jungfrauengeburt festzulegen, da tut man, glaube ich, nicht nur Dir, sondern allen Frauen Unrecht. War es Absicht, um damit die Frauen unterzuordnen? War es unbewußt patriachales Handeln der Bibelausleger? Jedenfalls hatte es Wirkung und oft genug schmerzliche. Wie ging es Dir damit? Wie ging es Dir damit, daß Deine anderen Kinder kaum der Rede wert sind?

    Wer bist Du, Maria? Ich stelle mir vor, daß Du auf der Seite von uns Frauen stehst, Frauen, die das Leben lieben, sich nach Zärtlichkeit und Zuneigung sehnen und dieses im menschlichen Miteinander leben. Wenn es, Maria, bei der Beschreibung der Geschichte um die Geburt Jesu heißt, daß Du alle diese Worte behalten und in Deinem Herzen bewegt hast, dann spüre ich etwas von Zärtlichkeit und Liebe für alle. Da fühle ich mich immer gestreichelt. Ja, da bist Du mir nahe.

    Wer bist Du, Maria? Wie bist Du? Als Mutter hattest Du so Deine Arbeit! Du hast Deinen Erziehungsauftrag wichtig genommen. Du hast Jesus gesucht, als er mit 12 Jahren verschwunden war. Ihr seid zurückgegangen. Du hast Dich mit ihm auseinandergesetzt, auch wenn Du wohl nicht alles verstanden hast. Pupertierende Kinder sind ja auch nicht einfach. Du hast, so empfinde ich, das richtige Maß zwischen loslassen und halten gefunden. Du hast verstanden, daß Kinder nicht Euch, den Eltern gehören, sondern daß Du ihnen zum Leben verhilfst. Und so auch Deinem Ältesten, auf dem eine besondere Verheißung lag. Eigenständig und unabhängig, wie ich Dich erlebe, konntest Du das tun. Wie bist du damit umgegangen, daß Jesus sich immer mal wieder abgrenzte von seiner Familie, von Dir als Mutter? Wie ist es Dir ergangen, als er sich höher als Mutter und Vater setzte? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß Du Deinem Sohn vertraut hast, daß Du zu ihm gehalten hast, ohne ihn festzuhalten und festzulegen, daß Du ihn begleitet hast auf seinem Weg. Was für eine gebende und freigebende Mutter bist Du! Und dann unter dem Kreuz, auch da bist du zu finden. Wie schwer ist es für Mütter, Kinder sterben zu sehen. Du bist dem nicht ausgewichen. Du hast die Trauer durchlebt. Wieviel Mut zeigst Du, wieviel Liebe! Bereit zu geben und zu nehmen.

    Ja wer bist Du, Maria? Bei der Hochzeit zu Kana wirst Du nicht als Mutter von Jesus angesprochen. Du bist Gegenüber, Du bist Frau. "Frau, was willst Du?", fragt Jesus. Ich glaube, ich hätte mich nach diesem Versuch des Gesprächs zurückgezogen. Du aber gibst den Dienern Anweisung. Du bist Glaubende. Glaubende, daß Gottes Heil kommt und sich in Christus zeigt. Das hat Dich wohl auch bei den Jüngerinnen und Jüngern bleiben lassen. Nicht Deinem Sohn bist Du nachgegangen, sondern Gottes Botschaft und Liebe bist Du nachgefolgt. Viele Seiten sehe ich Maria. Du, ganz Mensch, ganz Frau dem Leben zugewandt, offen, eigenständig und selbstbewußt, entscheidungsfähig. Du bist nicht mehr die überhöhte, asexuelle, unbefleckte Maria. Du bist nicht mehr die zurückgedrängte Maria. Wie Du selbst durch das alles hindurch bist? Wie Du die Verletzungen alle ertragen hast? Ich weiß es nicht. Ich kenne nur Frauen, die viele Verletzungen erlitten haben und erleiden durch diese patriachalen Sichtweisen von Dir. Du bist uns Schwester, Mutmacherin, Begleiterin in deiner dem Leben zugewandten Art, in Deiner Menschlichkeit, in Deinem Frau sein, in Deinem Glauben und Vertrauen in Heil und Heilwerden. So erlebe ich Dich in dem, was ich von Dir gesehen und verstanden habe. Schön, daß es Dich gibt! Sicher habe ich noch nicht alle Deine Seiten genau wahrgenommen. Vielleicht empfindest Du manches anders als ich. Soviel für heute, danke für's Zuhören.
    Liebe Grüße Doris

    Verwandte Literatur:

  • Bekannte und unbekannte Frauen in der Bibel, Heft 64, Beratungsstelle für Gestaltung, Frankfurt 1992
  • Arbeitsheft zum Weltgebetstag, deutsches WGT Stein, 1996
  • Doris Hege



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