We are family! - Mennonitische Identität als Familienkirche?

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    Junge Menschen & Religion

    ...und mögliche Konsequenzen für die Mennoniten

    Im April diesen Jahres hielt Dr. Bernhard Dressler, Leiter des Religionspädagogischen Instituts der hannoverschen Landeskirche, anlässlich eines Empfangs der christlichen Kirchen in Emden einen Vortrag zum Thema "Junge Menschen und Religion". Dieser Vortrag wurde von Silke Krüger-Kling zusammengefasst. Im Anschluss kurz angedacht: “Mögliche Konsequenzen für die Mennoniten”

    Die Situation junger Menschen

    Die jetzige Generation Jugendlicher wächst größtenteils ohne religiöse Erziehung auf. Den Traditionsabbruch, den ihre Eltern meist noch miterlebt haben, kennen sie nicht. Haben ihre Großeltern und Eltern Gott bewusst vergessen, so wissen Jugendliche heute in der Regel nicht, dass sie Gott vergessen haben. Auch wenn viele angeben, zu keiner Religion zu gehören, verfügen sie über ein feines Gespür dafür, dass der Traditionsabbruch insgesamt mehr Banalität und weniger Lebensglanz für die Generation ihrer Eltern bedeutet.
    Herrschte in den 60er Jahren ein Stimmung, in der man an den Fortschritt der Wissenschaft glaubte und alles für machbar hielt, so folgte darauf bald die Ernüchterung über das Maß an Möglichem: Ozonloch und Aids entzauberten den Machbarkeitsglauben. Die heutige Generation, die nach der Entdeckung des Ozonlochs aufwächst, lebt in einer nüchternen Stimmung, die mit Fortschrittsutopien der 60er Jahre nicht vertraut ist. Das Lebensgefühl der letzten 15 Jahre lässt sich mit dem Satz "Alles könnte auch ganz anders sein - und nichts kann ich ändern" beschreiben. Das Leben wird als gemacht erlebt, aber nichts scheint machbar oder änderbar.

    Konsequenzen für die Sinnsuche

    Wenn Jugendliche heute nach dem Sinn des Lebens suchen, greifen sie nicht auf die Verheißungen der Wissenschaft oder Technik zurück, auch die christliche Religion steht ihnen nicht zur Verfügung. Sie suchen neue Formen, um mit dem nichtmachbaren umzugehen. Diese Sinnsuche ist bei den Jugendlichen an die Stelle der Weltveränderungsabsicht getreten. Ihre Frage ist nicht, wie eine Welt des Überflusses hergestellt werden kann, sondern, warum man in der Welt des Überflusses nicht satt wird. Die Sinnsuche wird verbunden mit starkem Erlebnissen, in denen sie sich selber spüren können. Außerdem entsteht ein größeres Bedürfnis nach Ritualen. Die Abschaffung vieler gestalteter Lebensformen durch die Erwachsenen ist für sie ein fragwürdiger Fortschritt. Jugendliche suchen nach einer neuen Formsprache. Sie selber wollen gelingende Inszenierungen, wollen sich selbst inszenieren. Leider wird dies zunehmend schwierig: Provokationen provozieren nicht mehr: Erwachsene übernehmen Jugendmoden. Das ist in einer Gesellschaft nahezu fatal, in der gilt: Nur wer wahrgenommen wird, existiert wirklich.

    "Es gibt keine nichtreligiösen Gründe mehr religiös zu sein"

    Nichts ist heute mehr selbstverständlich, jeder muss sein Leben selbst erfinden, oder zumindest so tun. Äußere Gründe, die für ein religiöses Leben sprechen, gibt es nicht mehr. Wer nicht religiös ist, wird dadurch nicht zum gesellschaftlichen Außenseiter, wird nicht von der Gesellschaft benachteiligt. Auch haben die Kirchen nicht mehr das Sagen, wenn es darum geht, wie das Weltgeschehen und das Sein an sich zu deuten ist.

    Individualisierte Religion

    Heute entschließt man sich mehr und mehr bewusst, zu einer Religionsgemeinschaft zu gehören. Durch diesen Entschluss gewinnt man heute an Individualität: man ist etwas besonderes. Vielen ist die christliche Überlieferung fremd geworden, was für die Religionsgemeinschaften eine Bedrohung darstellt. Gleichzeitig wird die Religion, dadurch, dass sie eben fremd ist, zunehmend reizvoll.

    Gesellschaft der Froschvögel

    Unsere Gesellschaft ist zu einer pluralistischen Gesellschaft geworden, Kinder und Jugendliche wachsen in einer Gesellschaft auf, in der es mehrere Sinnangebote gibt. Sie lernen früh, Menschen mit anderen religiösen Überzeugungen zu respektieren. Sie lernen bereits in der Schule, sich mit den Augen des anderen zu sehen, sich aus der Vogelperspektive zu betrachten. Trotzdem bleiben sie bei ihren eigenen Überzeugungen, bleiben in der Froschperspektive unter Gleichgesinnten. So führen bereits Kinder eine Existenz als Froschvogel - es sei denn, sie sind religiös gleichgültig.

    Chancen

    Religiös wird man heute als Individuum, nicht aufgrund einer Institution. Traditionen erscheinen nur dann als glaubwürdig, wenn sie lebendig sind oder wenn man sich daraus ein buntes individuelles Religionsmosaik zusammenbauen kann. Traditionen können heute zum Spiel-Raum werden. Kindern und Jugendlichen, die der Religion meist mit unvoreingenommener Neugier begegnen, sollte die Chance gegeben werden, ohne Vereinnahmungsängste in die Religion hineinzuwachsen. Von Erwachsenen wird verlangt, Farbe zu bekennen. Wie sollen Jugendliche die Dauersuche aushalten, ohne die Hoffnung, irgendwann einmal anzukommen? Und wie soll man diese Hoffnung haben können, ohne Menschen zu begegnen, die davon erzählen können, wie es ist, wenn man - wenigstens vorläufig - angekommen ist?

    Mögliche Konsequenzen für die Mennoniten

    Pluralität ist keine neue Erfahrung

    Dass es mehr gibt, als nur die mennonitische Konfession, ist für jeden Mennoniten wohl selbstverständlich. Bereits in der Schule kommen Kinder aus mennonitischen Familien in Erklärungsnöte. Egal, wo ein Mennonit auftaucht, wenn es um die Religionszugehörigkeit geht, ist er sogleich ein Exot. Wo wir sind, wissen wir um unsere Existenz als Froschvögel. Das kann selbst in der eigenen Familie der Fall sein: Mutter Mennonitin, Vater Katholik, Sohn evangelisch.

    "Wir sind Mennoniten aus Tradition"

    Oftmals wird in Familien das "Mennonit-Sein" von Generation zu Generation weitergeben. Fast könnte man von der biologischen Mission der Mennoniten sprechen. Oft bekommt man zu hören: "Wir sind Mennoniten aus Tradition". Aber gerade dieser Satz steht im Widerspruch zum allgemeinen Trend: verlieren doch äußere Selbstverständlichkeiten an Gewicht. Äußere Gründe, um mennonitisch zu werden - und sei es den Eltern zu liebe - werden weniger zu tragen kommen. Eine Familienkirche, die wir zum größten Teil noch sind, werden wir nicht pro forma bleiben können. Äußere Traditionen können nur dann Bestand haben, wenn sie innerlich gefüllt sind, wenn es mehr weiterzugeben gibt als "Als X ist man eben Mennonit und das schon seit 1750".

    Individuelles Religionsmosaik

    Gerade für die Generation, die Dr. Dressler beschreibt, haben die Mennoniten etwas zu bieten: Mennonit zu sein ist, rein äußerlich betrachtet, erst einmal etwas besonderes. Wer Mennonit ist oder zu den Mennoniten geht, ist ein Exot und fällt auf, ihm gelingt es wirklich individuell zu erscheinen. Vielleicht sind viele Mennoniten es leid, immer als Exot zu erscheinen, vielleicht liegt hierin aber auch eine Chance, die sich im Zuge der Individualisierung positiv auf die Mennoniten auswirkt. Richtig individuell sind Mennoniten auch beim Glaubensbekenntnis, kann das doch jeder selber schreiben, sich sein Mosaik für sich selbst zusammenstellen. Raum für individuelle Puzzlearbeit steht genügend zur Verfügung.

    Silke Krüger-Kling


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