Gebet

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    Psst, Mama betet!
    Maren Schamp-Wiebe über unterschiedliche Gebetsformen

    Thomas, mein Mann, würde es nicht wagen, mich morgens beim Beten zu stören. Lieber nimmt er unseren Sohn an die Hand und geht mit ihm spielen. Eine unausgeglichene Frau will er nicht riskieren. Er weiss: Ich brauche mein Morgengebet wie mein täglich Brot. Seit Jahren klingelt mein Wecker eine halbe Stunde vor dem Aufstehen. Mit einer Tasse Kaffee lege ich mich noch einmal gemütlich ins Bett und lese die Losung und einige der angegebenen Bibeltexte. Zum Abschluss bete ich. Dieses Gebet, das manchmal nur Minuten dauert, ist die Ruhe vor dem Sturm und Kraftquelle für den ganzen Tag.
    In meinem Gespräch mit Gott danke ich für die Nacht und den vergangenen Tag und bitte um Kraft und Führung für den kommenden. Ich denke an meine Familie, Freunde, Mitmenschen, bitte für sie bei besonderen Anlässen, Krankheit oder Kummer. In Gedanken gehe ich den vor mir liegenden Tag durch und 'erzähle', was mir wichtig erscheint oder was ich mir wünsche, wovor ich Angst habe oder welchen Fehler ich vermeiden möchte.
    Beim Beten verkrieche ich mich oft wie in Kindheitstagen unter meine Decke. Diese 'Stille Zeit' muss auch wirklich still sein, niemand darf sie stören.
    Gestärkt und ausgeglichen gehe ich anschließend in und durch den Tag. Manchmal schicke ich im Laufe des Tages noch ein Stoßgebet gen Himmel, etwa vor einer Prüfung, einem unangenehmen Gespräch, nach einem Fastunfall oder wenn etwas besonders gut gelaufen ist. Auch dafür suche ich stets einen ruhigen Ort auf, an dem ich mich ungestört fühle. Wenn's sein muss, verziehe ich mich auf irgendeine Toilette.

    In Ruhe beten

    Wie oft und in welcher Form diese 'Gebetsanliegen' erhört bzw. beantwortet werden, ist noch mal ein anderes Thema. Ich erlebe aber immer wieder, dass sich Wege öffnen, nach denen ich gesucht, Wünsche erfüllen, um die ich gebeten, und Ängste erträglich werden, die ich vor Gott gebracht habe. Im Hinblick auf das Gebet bewundere ich die Moslems. Ihnen ist vorgeschrieben, fünf Mal am Tag zu beten. Alle gläubigen Moslems sprechen zur selben Zeit dieselben Worte. Sicherlich konzentrieren sie sich dabei nicht immer auf das Gesagte, auch wenn sie die Glaubensworte durch Bewegungen begleiten müssen. Sie nehmen sich aber regelmäßig Zeit für Gott (Allah), danken und preisen Gott, auch wenn es ihnen schlecht geht, bitten für die Armen und Traurigen, auch wenn es ihnen bestens geht. Ich denke, dass sie durch diese Gebetspausen bewusster durch den Tag gehen können.
    Auch aus dem Kloster kenne ich diese festen Gebetszeiten. Oder von mennonitischen Freizeiten, wo regelmäßig vor dem Essen und während der Andachten gebetet wurde. Oder durch meine Schwiegereltern, die immer ein Tischgebet sprechen. Diese Gebetsrituale fand und finde ich sehr wichtig, auch wenn dabei weniger der Inhalts-, als der Gemeinschaftsaspekt im Vordergrund steht. Im Gottesdienst genieße ich ebenfalls vor allem das Gemeinschaftsgefühl. Auch wenn die vorformulierten Worte des Predigenden nicht immer mit meinen eigenen Gedanken übereinstimmen, empfinde ich das 'Miteinander-zu-Gott-reden' als wohltuend. Beim 'Vater unser' steht die Einheit im Vordergrund. Alle Christinnen und Christen beten diese Verse ohne Wenn und Aber. Das persönliche Gespräch mit Gott ist also das eine. Das Gemeinschaftsgebet das andere. Bei beiden Formen des Gebets kann frei gesprochen oder auf 'feste' Formulierungen zurückgegriffen werden. Ich habe mit beiderlei gute Erfahrungen gemacht. Wenn mein Kopf zu voll ist oder mir die Worte fehlen, bete ich einen Psalm oder einige auswendig gelernte Gebete.

    Schlechte Erfahrungen mir Gebetsgemeinschaften

    Schlechte Erfahrungen habe ich nur mit angeleiteten Gebetsgemeinschaften gemacht, bei denen sich Menschen mitunter produzieren, indem sie viel zu laut und viel zu lange 'Glaubenswahrheiten' aneinanderreihen.
    Bei echten Gebetsanliegen halte ich mich an Jesu Tipp: 'Du aber geh, wenn du betest, in dein Kämmerlein und schließ deine Tür zu und bete im Verborgenen zu deinem Vater; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten!' (Mt. 6,6). ... und hoffe, das Thomas unseren Sohn ermahnt: 'Psst, Mama betet!'

    Maren Schamp-Wiebe


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