Abschied

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    Adieu = Gott befohlen

    Abschiede gehören dazu, meint Silke Krüger Kling

    Wann mussten Sie zum letzten Mal Abschied nehmen? Mit welchen Worten haben Sie sich verabschiedet? "Pass auf dich auf" oder "Bis morgen, bis zum nächsten Mal"? Abschied ist nicht immer die leichteste Übung. Es kann manchmal ganz schön kompliziert sein, sich von jemand zu trennen - vor allem dann, wenn davor die Fetzen geflogen sind, weil endlich einmal Klartext angebracht war. Abschied nehmen, den Brief beenden musste auch Paulus, er schreibt in 2. Kor. 13,11-13: Zuletzt, liebe Geschwister, freuet euch, lasset euch zurechtbringen, lasset euch mahnen, habt einerlei Sinn, seid friedsam! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßet euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen! Diese Sätze sind die letzten schriftlichen Worte des Paulus an die Gemeinde in Korinth. Er selbst hatte diese Gemeinde gegründet. Nun trägt er Sorge um ihr Fortbestehen. Ich sehe in dem, was Paulus im zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt so etwas ähnliches wie eine Vater-Kind-Beziehung. Paulus sorgt sich darum, dass sein Kind, die Gemeinde in Korinth, nicht auf Abwege kommt. Aber das Kind ist längst im Stadium der Pubertät angekommen, kritische Stimmen von außen über Paulus bleiben nicht ungehört. In diese Situation hinein schreibt Paulus diesen Brief. Er tritt dominant auf und stellt einige Dinge - wie auch seine Autorität - klar. Einen ganzen Brief lang redet er Klartext - er haut mit der Faust auf den Tisch. Und dann heißt es auch für ihn: Abschied nehmen, den Brief beenden.

    “Vergesst meine Worte nicht und vertragt euch!”

    Ich finde den Abschiedsgruß sehr gelungen. Paulus zieht das, was er vorab gesagt hat, nicht zurück. Er tritt selbstbewusst auf und steht zu dem, was er sagt. Er fasst den Brief noch einmal kurz und prägnant zusammen. "Denkt an das, was ich euch gesagt habe - vergesst meine Worte nicht und vertragt euch!" Noch einmal sagt er seinem "Kind", der Gemeinde in Korinth, was ihm wichtig ist. Auch wir fassen oft am Schluss eines Besuches noch einmal das Wichtigste zusammen: Wir sagen beispielsweise zu Überarbeiteten, wenn wir gehen: "Mach dir bloß keinen Stress, ruh dich mal aus, denk auch mal an dich!" Was uns wichtig ist sollten wir aussprechen, wenn wir gehen - auch wenn es, wie bei Paulus, unbequem ist. Geben wir doch so dem anderen unsere Botschaft an ihn mit auf den Weg, den er nach dem Abschied alleine gehen wird, ohne uns. Paulus erweitert seinen Abschiedsgruß. Um ganz sicher zu gehen, dass sie seine Worte nicht vergessen, hinterlässt er eine Art Andenken: den "heiligen Kuss". Die Gemeindemitglieder sollen sich diesen untereinander geben. Er hat Zeichencharakter, er erinnert an die Mahnung, einmütig zu sein, sich zu vertragen und sich nicht zu streiten. Es ist eine Geste als Andenken, die der Erinnerung auf die Sprünge helfen soll. Viele Andenken und Erinnerungen an Menschen, Gesten und Orte, mit denen wir Erlebnisse und Erfahrungen verbinden, sind uns zu Wegbegleitern geworden. Ein Stein, ein Foto, ein Armband, ein Lied - vieles begleitet uns. Vieles trägt dazu bei, dass wir Personen oder Orte in guter Erinnerung behalten. Das leere Gefühl, dass der Abschied bei uns hinterlässt, wird angereichert und manchmal sogar ersetzt. Zu dem leeren Gefühl treten Erinnerungen an letzte Worte, Gesten und Abschiedsgeschenke, die uns begleiten. Gedankliche Verbundenheit tritt an die Stelle der Trennung. Und doch müssen wir andere loslassen, müssen sie gehen lassen ohne ihnen immer nahe sein zu können. Paulus beschreitet in den wenigen Zeilen folgenden Abschiedsweg: Erst sagt er, was ihm wichtig ist, hebt noch einmal mahnend den Zeigefinger, dann gibt er der Gemeinde den heiligen Kuss mit auf den Weg und zu guter Letzt legt er das Geschick seines Kindes, der Gemeinde von Korinth, zurück in Gottes Hand. Er gibt die Sorge um seine Gemeinde ab. Er schreibt: "Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen". Ganz so ausführliche Verabschiedungen haben wir nicht in unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Auch kommt "Gott" so beim Abschied nicht direkt vor. Ein paar französische Spuren von Gott finden sich allerdings in manchen deutschen Dialekten, wenn es ums Abschiednehmen geht. So kommt das schwäbische "Ade" wie auch das "Tschöhö" des Rheinländers vom französischen Adieu - zu deutsch "Gott befohlen". Mit diesem Abschiedsgruß sagt man, wenn man sich dessen bewusst ist, genau dasselbe in Kurzform, was Paulus seiner Gemeinde wünscht: Gott sei mit dir, jetzt wo wir uns trennen. Mit diesen Abschiedsgrüßen kommt noch mehr hinzu als letzte Worte und ein Andenken. Nämlich das Glauben, das Hoffen und das Lieben, das weiß, dass der andere aufgehoben ist bei Gott. Gottes Sorge reicht weiter als unsere Hand oder unsere Stimme, die nur zeitlich und räumlich begrenzt nah sein können. Ist es dabei nicht genau das richtige, beim Abschied den anderen Gott anzuempfehlen und zu sagen: Behüt´ dich Gott, Gott befohlen, tschöhö, adieu oder ade zu sagen? Mit solchen Worten übergeben wir den anderen ganz in Gottes Obhut und wissen ihn aufgehoben, auch wenn wir nichts mehr für ihn tun können, nachdem unsere Wege sich trennen.

    Vom “Tschöhö” zum “Gott befohlen”

    Im Wohnungsflur können wir dem anderen noch sagen: "Mach dir bloß keinen Stress, ruh dich mal aus, denk auch mal an dich!" Kurz vor der Tür können wir dem anderen noch ein Andenken, ein Geschenk, in die Hand drücken - aber dann können wir nicht mehr viel tun. Wir können hoffen, in guter Erinnerung zu bleiben. Im Glauben daran, dass auch der andere aufgehoben ist bei Gott, dass Gott ihn begleiten wird, bleibt zwischen uns eine unsichtbare Verbundenheit. Diese Verbundenheit, die da ist, weil Gott uns begleitet, können wir auch ansprechen. Wir können sagen, dass uns - auch nach dem Abschied - Gottes Schutz begleiten wird und sei es, dass wir zum anderen im rheinischen oder schwäbischen Dialekt "tschöhö" oder "Ade" sagen. Gott befohlen!

    Silke Krüger-Kling


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