Wunder

| Titelbild |

    Braucht der Glaube Wunder?

    Als übernatürliche Beweise sind Wunder überflüssig - meint Peter J. Foth

    Die Bibel ist voller Wundergeschichten, voller Erzählungen, wie Menschen aus einer Notsituation wider Erwarten gerettet wurden: Abraham und Sara bekommen gegen alle Wahrscheinlichkeit noch ein Kind, das unterdrückte Volk Israel wird aus Ägypten heraus geführt, in der Wüste bewahrt und kann gegen eine Übermacht ein Land gewinnen, in dem es leben kann. Jesus heilt Kranke, erweckt Tote zum Leben, und seine Jünger tun es ihm später gleich. Auch die religiösen Überlieferungen anderer Völker und nichtchristlicher Religionen sind voller solcher Wunder- und Rettungsgeschichten; oft sind sie den biblischen Geschichten ähnlich, denn immer wieder handeln sie von den gleichen Urerfahrungen der Menschen: Heilung von Krankheit, Rettung aus Todesgefahr, Neubeginn nach Streit und Zerstörung. Wundergeschichten sind immer Rettungs- und Heilungsgeschichten.

    Immer sind diese Geschichten Erzählungen vom Einbruch Gottes oder göttlicher Mächte in unsere Menschenwelt, überraschend und unerklärlich. Menschen erfahren göttliche Hilfe in Krisen- und Gefahrensituationen und erzählen, was sie erlebt haben, was ihnen wichtig geworden ist, was ihnen Orientierung gibt. Die Nachkommen sollen wissen, was Gott vor Urzeiten an ihrer Sippe oder für ihr Volk getan hat, und sie sollen daraus die Gewissheit schöpfen, dass auch in Zukunft Grund zur Hoffnung ist.

    Wundergeschichten sind also Hinweise auf Gottes Durchhilfe, aber sie sind nicht immer eindeutig. Die Wundergeschichten der Bibel lösen Jubel und Staunen aus bei den meisten, aber bei einigen auch Zweifel oder Ärger. Die Wirkung der Wunder Jesu ist zwiespältig. Jesu Feinde, die so genannten "Schriftgelehrten und Pharisäer", deuten seine Wunder gerade gegenteilig: "Er ist mit dem Teufel im Bund" (Markus 3,22 und Parallelstellen). Jesus selbst kritisiert einen Glauben, der sich allein auf Spektakuläres gründen zu können meint (Markus 8,11; Johannes 4,48). Wie ein Wunder auf einen Menschen wirkt, das hängt in den biblischen Geschichten sozusagen von der Voreinstellung ab, die ich mitbringe. Wer sich von Jesus Gutes erwartet, wird Gutes erfahren; wer ihm misstraut, findet immer ein Haar in der Suppe. Wunder können Hinweise sein, aber sie sind nie Beweise, die mich Zähne knirschend zu einer Art Anerkenntnis der Überlegenheit Jesu zwingen könnten.

    Wer Wunder tut, ist “mit dem Teufel im Bund”

    Verschärft wird für uns Heutige die Frage nach der Bedeutung von Wundergeschichten durch die Entwicklung in Europa, die wir "die Aufklärung" nennen. Seit die Naturwissenschaften ihren Siegeszug angetreten haben und die Menschen den "Mut hatten, sich ihres Verstandes ohne Leitung durch jemand anderen zu bedienen" (so hat der Philosoph Kant diese geistesgeschichtliche Zeitenwende umschrieben), richten wir plötzlich ganz andere Fragen an Wundergeschichten als vorher: Sind solche Wunder möglich? Sind die Geschichten in einem buchstäblichen und vordergründigen Sinne "wahr", d.h. so geschehen? Gibt es Engel? Kann man auf dem Wasser laufen? Ja, in schärfster und letzter Konsequenz: "Gibt es" Gott? Einen Gott, der über allen Naturgesetzen allmächtig und eingreift oder nicht eingreift, wann immer und wie immer er will?

    Die Frage ist für uns nicht mehr primär: Worauf deutet eine Wundergeschichte? Zum Beispiel sind viele Wundergeschichten Jesu alttestamentlichen Wundergeschichten nachgebildet, und die damaligen Hörer und Leser, die ihr Altes Testament kannten, erkannten sofort den Bezug: Hier wird mir Jesus als der vorgestellt, der die Hoffnungen der Menschen im Alten Testament erfüllt. Solche eine Zielrichtung von Wundergeschichten ist uns meist verloren gegangen. Wir fragen ganz anders: Wie kann das angehen? Ist die Geschichte wahr? Oder sind das Erfindungen, bewusste oder unbewusste Täuschungen, also Lügen? Besonders plump argumentierte der Staats-Atheismus der kommunistischen Ideologie auf dieser Ebene.

    Die biblischen Wundergeschichten kollidieren mit unseren Alltagserfahrungen, und das verstellt uns den Blick für ihre eigentliche, oft verschlüsselte Botschaft. "Man kann nicht das elektrische Licht einschalten und gleichzeitig an Engel glauben", meinte der Theologe Rudolf Bultmann in einem Aufsatz "Neues Testament und Mythologie" aus dem Jahr 1941, mit dem er eine jahrelange erbitterte Debatte um die "Wahrheit" der Bibel angestoßen hat, die im Grunde bis heute nicht verstummt ist, wie allein die Thematik dieser jg-Nummer beweist. Erbittert war dieser Streit auch darum, weil er unser protestantisches Bibelverständnis berührt. Wenn sich der Glaube "allein auf die Schrift" gründen soll, muss dann dieses Fundament nicht verlässlich, "wahr" in jeder Hinsicht sein? Muss man dann die Bibel nicht beim Wort nehmen dürfen, und was taugt sie noch, wenn sie nur "teilweise wahr" sein sollte? Muss man die Wundergeschichten aus der Bibel streichen?

    Wir lieben Wunder

    Die Frage, was wir denn nun von den biblischen (und allen anderen) Wundergeschichten halten sollen, erhält auch dadurch ihre Brisanz, dass wir alle im Grunde solche Wunder "wollen". "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind", meint auch Goethes Dr. Faust. Wir lieben Wundergeschichten, weil sie uns trösten und gewiss machen und uns helfen, die Welt und unser Leben zu verstehen. Wir wollen einen "starken Gott". Wir suchen Geborgenheit, wir wollen Grund zur Hoffnung haben, und wir möchten das, was uns widerfahren ist, was uns getröstet oder gerettet hat, anderen mitteilen. Menschen wollen erzählen, was sie erfüllt. So sind auch die Wundergeschichten der Bibel entstanden. Es sind Rettungsgeschichten, die Menschen aus vollem Herzen erzählt haben und die weitererzählt wurden. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

    Wundergeschichten sind also immer Glaubenszeugnisse. Sie sind subjektiv, und in diesem Sinne sind sie immer wahr. In diesem Sinne kann man tatsächlich sagen: Der Glaube braucht Wunder. Wir brauchen Vergewisserung. So eigenartig es auf den ersten Blick scheinen mag: Nicht das Wunder bringt den Glauben hervor, sondern der Glaube das Wunder. Der Glaube gibt mir die Augen und Ohren, die Offenheit für Gottes Tun in meinem Leben - und dann erlebe ich Wunder. Wir erzählen von dem, was uns beeindruckt, was uns überwältigt hat, was uns wichtig ist. Meine Kollegin Ruth Wedel erzählt manchmal eine Wundergeschichte, die sie als abgemagertes Flüchtlingskind erlebt hat. Eine Zeit lang fand sie unter ihrem Pult in der Schule jeden Tag ein Butterbrot. Wer es hingelegt hat, weiß sie bis heute nicht. Wer will ihr verbieten, hier von einem Engel zu reden?

    Das Beispiel zeigt aber auch: Wirkliche Wundergeschichten, die mich überzeugen, spielen immer in meiner Erfahrungswelt. Und was sollen wir nun mit den "übernatürlichen" Wundergeschichten der Bibel machen? Darauf kann jeder nur persönlich antworten. Ich nehme sie nicht wörtlich, und ich glaube nicht, dass Jesus auf dem Wasser gelaufen ist. Aber darum ist die Geschichte nicht "falsch" und schon gar nicht "gelogen". Man muss nur ihre "Sprache" verstehen. In ihr spiegelt sich die Erfahrung der Christen, dass sie auch in Notzeiten nicht untergehen, wenn sie an der Hand Jesu bleiben. Nicht eliminieren, sondern interpretieren heißt die Aufgabe. Das ist, nach einem zeitlichen Abstand von 2000 Jahren und einschneidenden Entwicklungen im Weltverständnis seither, manchmal eine mühsame Aufgabe. Aber erst, wenn ich eine biblische Wundergeschichte mit den Ohren und dem Wissen der Damaligen höre, verstehe ich ihre Botschaft wirklich.

    In zwei Welten leben

    Es gab eine Zeit, da versuchte man, alle Wundergeschichten irgendwie logisch und rational zu erklären. Die Geschichte vom Seewandel zum Beispiel so, dass Jesus in Wirklichkeit im Nebel am Seeufer gegangen sei und die Beobachter sich nur getäuscht hätten. Das ist ein ziemlich krampfiger Versuch, eine wunderschöne Trostgeschichte über den Leisten unseres Weltbildes zu schlagen, aber die eigentliche Botschaft geht darüber verloren. Manche Heilungsgeschichten mögen durchaus so geschehen sein, aber nicht dies ist dann die Kernaussage, sondern die andere, geistliche: Im Glauben an Jesus können Menschen und Beziehungen heil werden - und zwar heute.

    Wer sich mit Wundergeschichten befasst, spürt schnell, dass er nach seiner Stellung zur Bibel, ja nach seinem Bild von Gott gefragt ist. Wer Gott als allmächtigen Marionettenspieler sieht, der nach Gutdünken hier hilft und dort verdirbt, für den mögen biblische Wundergeschichten wortwörtlich reales Geschehen sein. Aber er zahlt den Preis, dass er innerlich gespalten ist und in zwei Welten lebt. Ich kann das nicht.

    Abgesehen davon kann auch ein solch "supranaturalistisches" Gottesbild nicht alle Fragen beantworten. Um ein Beispiel aus der jüngeren mennonitischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts zu nehmen: 1945 konnten sich 10.000 von 35.000 Russlandmennoniten, die vor der Roten Armee geflohen waren, retten. 25.000 wurden nach Russland zurückgezwungen und mussten Unendliches erdulden. Niemand wird den 10.000 Geretteten das Recht absprechen, ihre Rettung als Wunder Gottes zu verstehen. Aber dass man draus kein System und keine Weltanschauung machen darf, beweist der Blick auf die anderen 25.000. Die Frage, warum Gott die anderen 25.000 nicht gerettet hat, kann - so gestellt - niemand beantworten.

    Braucht der Glaube Wunder?

    Ich brauche sie nicht im Sinne eines übernatürlichen Beweises. Kein Wunder wird mich zu etwas zwingen, was ich nicht von innen aus mir heraus glaube. Aber wahrer Glaube wird Wunder entdecken und erleben, wenn er sich auf Gott einlässt, das heißt wenn er sich ein Gefühl und einen Blick für das Wunderbare und Unerwartete im Leben bewahrt. Wundergeschichten sind immer Rettungsgeschichten, und wo Menschen aus Bindungen befreit werden, ist das ein Wunder Gottes, gleichviel ob jemand an Geld, an Nationalismus, an Rachegedanken oder was auch immer gebunden ist. Wo sich Menschen versöhnen, wo ein Mensch geheilt wird gegen alle Wahrscheinlichkeit, da dürfen wir das ein Wunder nennen.

    Aber neben den Wunder- und Rettungsgeschichten werden immer auch die Fragen- und Zweifelsgeschichten stehen. Wir wollen auch bei denen ausharren, die nicht jubeln können, die - gemäß aller Wahrscheinlichkeit - an ihrer Krankheit sterben. Wirkliche Wunder Gottes nehmen uns nicht aus unserer Lebenswirklichkeit heraus, sondern führen uns tiefer in sie hinein.

    Peter J. Foth


© www.jungegemeinde.de