Gewalt überwinden

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    Die Kirchen zum gewaltfreien Jesus bekehren

    Bemerkungen und Erwartungen an die "Dekade zur Überwindung von Gewalt"

    Die Dekade bietet uns eine große Chance, unsere friedenskirchliche Position in den ökumenischen Dialog einzubringen. Sie stellt uns jedoch auch vor die Aufgabe, uns selbst neu auf die Grundlinien dieser Position zu verständigen. (...)

    Verständigungsschwierigkeiten oder Praxislernen und theologische Arbeit

    Im "Konziliaren Prozess zu Gerechtigkeit Frieden und Bewahrung der Schöpfung" der 80er und 90er Jahre (Ökumenische Basisversammlungen Siegen I und II (1984, ...), Stuttgart 1988, Basel 1989, Seoul 1990, Erfurt 1996, Graz 1997) erlebten ich und andere, wie einerseits die Wertschätzung der friedenskirchlichen Stimme betont wurde, wie wir uns andererseits oft nur in Minderheitenvoten angemessen artikulieren konnten. Es gab und gibt ziemliche Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Vertretern konstantinischer und nicht-konstantinischer Sozialethik und Ekklesiologie. Oft gelang es nicht wirklich, die konstantinischen Prämissen der Großkirchen zu hinterfragen. In Abschlusserklärungen wurde meist eine ausdrückliche oder zumindest faktische Komplementarität von Gewaltverzicht und Gewaltgebrauch beschrieben.

    Als Gefahr sehe ich, dass man uns wiederum als zwar überaus wertgeschätzte aber letztlich doch belanglose Minorität links liegen lässt. Die Dekade könnte die reichlich verblassten Etiketten des Konzilaren Prozesses ersetzen, ohne wirklich eine neue Qualität zu bringen. Ich sehe auch die Gefahr eines unverbindlichen Redens von einer "Kultur des Friedens", in die dann jede Kirche, ja Religion und Weltanschauung gerade das einbringt, was sie sowieso schon immer tut. Gewaltfreiheit und Feindesliebe höchstens als friedenstheologischen Zuckerguss über ansonsten weitgehend realpolitischen oder allgemein ethischen Empfehlungen.

    Die Dekade sollte zwei Pole haben:
    1. Praxislernen, praktische Gewaltüberwindung, Methoden, Projekte
    2. theologische Arbeit zur Überwindung der Gewaltstrukturen innerhalb der Kirchen Praxis und Theologie müssen dabei immer wieder aufeinander bezogen werden.

    Bekehrung zum gewaltfreien Jesus

    Ein entscheidender Beitrag der Kirche/n zur Überwindung von Gewalt wäre die Beendigung der kirchlichen Legitimation von Gewalt, sowohl der theologischen Legitimation in der Lehre vom gerechten oder gerechtfertigten Krieg, als auch der strukturellen Legitimation in der konstantinischen Gestalt der Kirche (Loyalität zu Staat und Volk statt zu Jesus Christus). Eine wichtige Fragestellung: aus welchen Quellen speist sich unsere Sozialethik? Es geht dabei u.a. um die Themen: - Nachfolgeethik, politische Relevanz der Menschwerdung Gottes - Naturrecht, Schöpfungsordnungen.

    Kirche ist herausgefordert, sich zu wandeln von einer Instanz zur Legitimation von Herrschaft und Gewalt in eine Gemeinschaft, die zeichenhaft Gottes Erlösung lebt. Dazu gehört der freiwillige Verzicht auf Herrschaft und Gewalt. Die Einladung zur Nachfolge lässt sich nicht auflösen in einer unbestimmten "Kultur des Friedens". Es geht auch um einen Wechsel der Herrschaft und Loyalität.

    Es geht um nichts weniger, als um die Bekehrung der Kirchen zum gewaltfreien Jesus und seiner Nachfolge. Dabei bedingen die Bekehrung der einzelnen und die der Strukturen einander gegenseitig.

    Mehr als Sozialtechniken

    Zur Überwindung von Gewalt braucht es mehr als menschliche Sozialtechniken. Es braucht die Bereitschaft des Leibes Christi, eher Gewalt zu leiden, als Gewalt zu tun. Wir folgen einem Herrn, der selbst Opfer menschlicher Gewalt wurde. Am Kreuz hat er sie auf sich genommen und so ihre Macht gebrochen.

    Bleibt die Frage, wie wir die Erfolgsaussichten einschätzen, wenn wir die Kirchen zur Umkehr von der konstantinischen Häresie aufrufen. Wie stark sind die beharrenden Kräfte? Sollten wir unsere beschränkten Energien stattdessen eher in die Stärkung des eigenen friedenskirchlichen Zeugnisses stecken?

    Ich werde leider das Gefühl nicht los, daß schon hinter der Wortwahl "Kultur des Friedens" und "Überwindung von Gewalt" konstantinische Prämissen stecken. Ist dies eine Neuauflage des Bemühens, die ganze Gesellschaft, wenn nicht zu christianisieren, so doch wenigstens zu pazifizieren? Wird dabei wie bei allen bisherigen solchen Versuchen die jesuanische Ethik auf der Strecke bleiben?

    Mir scheint, die Dekade geht stillschweigend von der Voraussetzung aus, menschlicher guter Wille und vernünftige Einsicht seien die wesentliche Voraussetzung zur Überwindung von Gewalt. Beides ist unverzichtbar, aber laut Neuem Testament doch nicht genug. Als Menschen können wir uns nicht selbst befreien von Sünde und Gewalt. Christus ist unser Friede. Sein Leben, Tod und Auferstehen stiften neue Gemeinschaft mit Gott und zwischen verfeindeten Menschen/Völkern. Kirche hat den Auftrag, Christus und seinen Frieden zu bezeugen. Sie lädt Menschen ein, sich mit Gott versöhnen zu lassen und Glieder am Leib Christi zu werden. In Bekehrung und Nachfolge wenden sich Menschen vom Weg der Gewalt auf den Weg des Friedens. Aus der Bindung an Jesus Christus erwachsen ethische Prämissen, die sich von denen der Gesellschaft (nt: Welt) unterscheiden. Der missionarische Auftrag darf nicht heruntergefahren werden auf ein pluralistisches Nebeneinander oder "Lernen von der Spiritualität Andersgläubiger". Der Friedensauftrag der Kirche umfasst ihre ganze Existenz.

    Und doch möchte ich die Hoffnung auf einen echten Dialog zwischen "konstantinischen" und "pazifistischen" Kirchen und die weiterbringende Arbeit an den theologischen Tiefenstrukturen nicht aufgeben. Die Dekade muss zu einem gehörigen Teil eine Dekade zur Überwindung des Konstantinismus werden. Dabei gibt es auch innerhalb der Mennonitengemeinden genug zu tun.

    Wolfgang Krauß


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