Wunder

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    He, Gott, schläfst du?

    Eine Bibelarbeit zu Markus 4, 35-41 - Von Lutz Heidebrecht

    E ine berechtigte Frage, denn es ist kaum zu glauben und grenzt schon an ein Wunder, dass der Sohn Gottes in einem Boot bei Windstärke zehn ruhig schlafen kann. Aber erst einmal den Bibeltext aus Markus 4.

      35 Und am Abend desselben Tages sprach er (Jesus) zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren.
      36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.
      37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde.
      38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
      39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.
      40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
      41 Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

    1. Es ist doch erstaunlich,...
    ...dass zwölf erfahrene Männer, unter ihnen eingefleischte Fischer wie Petrus, die die See und ihr Boot kannten, weder die Gefahr eines bevorstehenden Sturmes erkannten, noch in der Lage waren, sich und ihr Boot (ach ja, und Jesus) in Sicherheit zu bringen. Vorwurfsvoll wecken sie Jesus auf: Kümmert es dich nicht, dass wir verrecken? Ist es dir egal, was mit uns geschieht?

    Den Eindruck, dass Gott unsere größte Not verpennt und nicht zur Stelle ist, wenn unser Lebensboot in Seenot gerät, hatten schon die Liedermacher vor bald 3000 Jahren: "Wach auf, Herr! Warum schläfst du?" (Ps. 44, 24)

    Aber dann doch: Erst schläft der Herr und die Wasser wüten - jetzt schläft der See und Jesus hat alles fest im Griff - Stille. Die Stille ist so still und überraschend, dass man fragen könnte: "War was?" Die kritischen Fragen, die Jesus nun stellt, klagen aber nicht nur an, sie machen auch Mut. "Ich sitze mit euch in einem Boot, ich lass euch doch nicht im Stich. Aber ich dränge mich auch nicht auf. Wenn ihr mich bittet, dann bin ich da. Ich verpenne eure Not nicht - nicht die kleine und erst recht nicht die große. Aber > ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet!< (Jak. 4,2) Warum wartet ihr, bis ihr fast absauft, bis ihr sagen müsst: "jetzt hilft nur noch beten!"

    Wozu dienen Wunder?

    Das macht mir Mut! Jesus ist ein Herr für die Turbolenzen des Alltags und wenn wir den Mut haben, ihm unsere Schwachheit zuzugeben, dann packt er an und bringt uns sicher an Land, denn in unserer Schwachheit wird seine Kraft so richtig deutlich. Einen klasse Herrn haben wir!

    2. Wunder?
    Wenn Jesus Christus der Sohn Gottes ist und wenn ihm, wie er gesagt hat, alle Macht auf Erden und im Himmel gegeben ist (Mt 28,18) und beides, sowohl Himmel als auch Erde durch ihn gemacht wurde (Joh 1,3), dann ist ein Orkan über dem Galiläischen Meer für ihn ein Sturm im Wasserglas.

    Manchmal wünsche ich mir auch so ein Wunder. Dann würde mein Glaube fester werden und nicht mehr von jedem Windzug geschüttelt werden, so denke ich. Aber wecken Wunder tatsächlich Glauben? Unsere Geschichte endet nicht mit dem Hinweis, dass die Jünger nun gestärkt und ermutigt sind. Im Gegenteil, sie fürchten sich tierisch und zittern wie Espenlaub. Von den Theologen ließ Jesus sich nicht zu einem Wunder überreden, weil er wusste, dass Wunder zwar zum Staunen bringen und Be-Wunder-ung hervorrufen, aber keinen Glauben wecken (Mt 16,1-4). Wozu also Wunder? Wozu dieses Wunder auf dem See? Nur, um die Jünger zu erschrecken? Jesus hatte einen Grund für die Schiffsreise, er wollte an das gegenüber liegende Ufer, für die Juden war das ŽAuslandŽ. Scheinbar hatte der Gegner Gottes ein Interesse daran, dass Jesus und seine Leute da nicht hinkommen. Was wäre, wenn Jesus nicht erst am Kreuz, sondern schon während dieser Kreuzfahrt auf dem See mit seinen Jüngern gestorben wäre?

    • Dann wäre er nicht als verachteter Messias für die Sünden der Welt gestorben!
    • Dann hätten die Menschen ihn als kritischen Prediger und großen Wundertäter geehrt, der bei einem Bootsunfall ums Leben kam.
    • Dann wären alle Apostel, die später das Evangelium predigen sollten, mit einem Schlag aus dem Rennen.
    • Dann wäre Jesus nicht bei dem Mann angekommen, zu dem er scheinbar wollte (Mk 5, 1-20).

    Es scheint so, als ob der Gegner Gottes hier die Naturgewalten in Aufruhr gebracht hat, denn am anderen Ufer kommt es zur Begegnung mit einem Besessenen, der von vielen Geistern geplagt wird. Nachdem Jesus diesen Menschen befreit hat und die Dämonen in 2000 Schweine verbannt hat (BSE = besessene Schweine ertrinken),kommt dieser Mensch, genau wie das Meer, zur Ruhe. Er wird anschließend zum Apostel seiner ganzen Gegend (10 Städte) und bringt seinen Landsleuten die gute Botschaft von Jesus (5,20). Es fällt auf, dass Wunder auch sonst im Neuen Testament neben der Predigt oft eine untergeordnete Rolle spielen und nur der Bestätigung der Macht Gottes dienen. Sie haben keinen Selbstzweck.

    Wunder öffnen uns die Augen für die unbegrenzte Macht Gottes und sie öffnen uns das Herz für die frei machende Botschaft von Jesus.

    Ich bleibe dabei, ich wünsche mir ein Wunder: Das Wunder, dass wir unseren Mitmenschen aus eigener Erfahrung bekennen können: "Jesus Christus befreit zum Leben!"

    Lutz Heidebrecht


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