Musik

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    Nationalhymne und Hummelflug

    Kilian Foth fragt, warum die Orgel oft so zentral im Gottesdienst ist

    Gerade komme ich aus der Hamburger Mennonitenkirche; der Hauskreis hält den Gottesdienst, neue und alte Elemente kommen zum Einsatz. Die älteren Lieder werden von mir auf der Orgel begleitet, die neueren wie `Du bist da, wo Menschen leben' von Peter auf der Gitarre. Einige davon kennt die Gemeinde kaum; zuerst mag niemand einsetzen, und der Rhythmus bleibt unklar. Aber am Ende erklingt das Lied, und alle haben ein wenig dazugelernt. `Ach, bleib mit deiner Gnade' klingt dagegen routiniert, aber auch gleichförmiger. Jedenfalls ist der Kontrast denkbar groß, und mein melancholisches J.S.Bach-Postludium wirkt recht fremdartig. Ist die Orgel nun das zentrale Instrument des Gottesdienstes gewesen oder nicht? Ist sie das denn überhaupt? Eigentlich ja nur im typischen christlichen Gottesdienst; aber auch da nur in der westlichen Kirche, in der orthodoxen Liturgie hat sie keinen Platz. Auch die Vormachtstellung in den katholischen und evangelischen Kirchen ist erst ein paar Jahrhunderte alt (ob es wohl noch einmal so viele werden?), und bei den Mennoniten macht eh jede Gemeinde, was ihr richtig erscheint... Es spricht ja so vieles für und gegen die Orgel im Gottesdienst. Seit es Musik (und Religionen) gibt, fehlt es nicht an allegorischen Deutungen: Musik als Ausdruck der Harmonie der Welt selbst und als höchstes, wertvollstes Mittel, Gott zu loben. Die Orgel verfeinert diese Analogie noch bedeutend: Orgeltöne sind Stimmen, das Orgelwerk ein Körper mit Lunge, Antlitz, Mundwerk und Lippen, und lange Zeit wurde kein Unterschied zwischen Orgel- und Vokalmusik gemacht.

    Vieles spricht für und gegen die Orgel

    All das ist wie geschaffen für Lobeshymnen auf das ideale Kirchenmusikinstrument. Aber zum Gotteslob wurde sie sicher nicht erfunden; eher schon zur Belustigung, was zeitweise auch das Verfüttern von Christen an Löwen einschloss. Eine große Kirchenorgel verdient mit ihrer Vielfältigkeit und ihrem Klangvolumen sicher den gängigen Titel `Königin der Instrumente'; aber das tun mehrere andere Instrumente eben auch. Sie kann einen Ton länger aushalten als jeder Streicher oder Bläser, dafür aber bringt sie nicht einmal ein echtes crescendo zustande. Und sie kann mehr Stimmen zugleich ausführen als jeder andere Klangkörper, aber keine davon kann den theologisch so wichtigen Text wiedergeben. Man findet denn auch mühelos die widersprüchlichsten Aussagen von offizieller Seite. Der Psalm 33 fordert ausdrücklich: `Danket dem Herrn mit Harfen, und lobsinget Ihm auf auf dem Psalter von 10 Saiten.' Aber im 3. Jahrhundert schreibt der fromme Mönch: `Die Musikinstrumente des Alten Testaments sind auch für uns nicht unangemessen, wenn wir sie *geistlich* verstehen: Die Harfe ist die lebendige Seele; der Psalter der reine Geist. Die zehn Saiten können als zehn Nerven verstanden werden, denn ein Nerv ist eine Saite. Und so kann der Psalter angesehen werden als der Körper, der fünf Sinne und fünf Fähigkeiten hat.' (Ich finde das ebenso komisch wie die mittelalterlichen Umdeutungen des Hoheliedes ins `Geistliche'.) Im 16. Jahrhundert dann verbietet der Schweizer Über-Reformator Calvin (neben vielem anderen) ausdrücklich jedes Musikinstrument in der Kirche. 1950 dagegen befindet der Papst persönlich, das Orgelspiel sei ein wertvoller Beitrag zur Liturgie. Offenbar ist die Orgel nicht deshalb so beliebt, weil es eben in der Natur der Dinge läge. Ich behaupte: die jetzige Vormachtstellung der Kirchenorgel ist ebenso sehr abhängig von historischen Zufällen und von der Tradition wie von inhaltlichen Gründen. Aber wie ist es nun zu dieser Ausschließlichkeit gekommen? Der Weg war sehr lang. Der frühchristliche Gottesdienst war dem jüdischen Gottesdienst sehr ähnlich (ebenso wie auch das Kirchenjahr und der Ritus überhaupt).

    Kein Orgelspiel im heutigen Sinne

    Über seine Gestaltung wissen wir im Übrigen wenig, auch das Alte Testament enthält fast gar keine Hinweise (ganz im Gegensatz zum Neuen), und zu vielen Psalmen verstehen wir heute nicht einmal mehr die Spielanweisungen. (War die Sela nun ein Instrument oder eine musikalische Form?) Sicher ist aber, dass in dem Maße, wie die Christen eine eigene Identität entwickelten, sowohl Tanz als auch Instrumente strikt abgelehnt wurden, denn sie galten als typisch für die heidnischen Kulte (und die waren damals noch zahlreicher und heidnischer als heute). Allgemein hat die religiöse Musik sich mit der Zeit vom Ekstatischen (Musik ist Gotteslob) zum Symbolischen entwickelt (Musik drückt Begriffe aus, die Gott loben).

    Von der Sekte zur Staatskirche

    Von der verwirrten Sekte wurden die Christen mit der Zeit zu verhassten Oppositionellen, später zur siegreichen Staatskirche und schließlich zur Sinn gebenden Tradition. Mehr als einmal dürfte das Zwischenprodukt kaum wiederzuerkennen gewesen ein. Mit der Orgel war es ähnlich: Die Wasserorgel im antiken Griechenland dürfte eigentlich gar nicht beim selben Namen genannt werden wie die heutige Konzertorgel. (Dasselbe gilt freilich heute für die Orgeln in der Christus-Kathedrale von Liverpool und in der Mennonitenkirche in Friedrichstadt.) Für den größten Teil dieser gewaltigen Zeitspanne gab es kein Orgelspiel im heutigen Sinne. Zu unterschiedlich waren die Voraussetzungen: Die Tonalität, die Mehrstimmigkeit, sogar die Notenschrift gibt es (historisch betrachtet) erst seit gestern. Wahrscheinlich wurden erst mit dem Schritt zur offiziellen Staatsreligion überhaupt vereinzelt Orgeln in Kirchen verwendet. Aber selbst dann waren die Aufgaben der Orgel ganz anders, als wir es gewohnt sind. Sie `begleitete' niemals den Gesang, sondern musizierte entweder abwechselnd mit den Sängern oder ersetzte fehlende Singstimmen. Vereinzelt wurde sie (ähnlich den Glocken) als Ruf zum Gottesdienst verwendet, wahrscheinlich auch bei den Prozessionsmärschen, wo es sich schlecht singen läßt. Möglicherweise gab es hier und da auch eigenständige Orgelmusik, aber man weiß es nicht sicher, denn die Notenschrift war ja noch nicht erfunden, und so gibt es auch keine entsprechenden Manuskripte. Aber wenn etwa die Ordnung der Klöster ausdrücklich verlangt, daß jede Woche alle 150 Psalmen vollständig zu singen sind, kann für Soli nicht viel Raum gewesen sein. Erst im 16. Jahrhundert gibt es eine ausdrücklich so bezeichnete Orgelmusik: Sweelinck, Frescobaldi, Scheidt und ihre Schüler revolutionierten sowohl die Spieltechnik als auch die Ausdrucksmöglichkeiten. (Oft rühmt man Bach, weil er die Verwendung des Daumens eingeführt hat; seltener wird eine viel wichtigere Neuerung erwähnt, mit der aber kein Name verknüpft ist: nämlich die Verwendung der Finger anstelle der Fäuste.) Jetzt gibt es auch eindeutige Solowerke, die sich aber noch immer eng and die Formen der aufblühenden Chormusik anlehnen: Canzonen, Messen, Intonationen... Zur selben Zeit, nämlich mit der Reformation, beginnt die Gottesdiensttradition, die wir kennen. Gemäß dem `Priestertum aller Gläubigen' sollte der Besucher nicht nur das Wort Gottes in seiner Sprache hören, sondern es auch selbst verkünden. Aber die ausufernde Vokalmusik der Zeit konnte von keiner gewöhnlichen Gemeinde ausgeführt werden.

    Die Vokalmusik überforderte die Gemeinden

    Es entstand das Gemeindelied, mit tatkräftiger Unterstützung von Luther selbst. Oft wurde jetzt die Orgelbegleitung zum Normalfall, andernorts sangen weiter abwechselnd Chor, Gemeinde und Orgel. Wieder andere schafften rigoros alle Überbleibsel des Papismus ab: `...daß schleunigst alle Orgeln, Bildwerke und die anderen Arten von Denkmälern des Aberglaubens in sämtlichen Kathedralen des gesamten Königreichs England zerstört werden, damit die gepriesene Reformation besser vollendet werden könne.' (So beschlossen und durchgesetzt 1644 vom britischen Parlament.) Der Normalfall aber wurde fortan das begleitete Gemeindelied. Auch virtuose Orgelkünstler mussten sich mit ihren Prunkinstrumenten der Laiengemeinde unterordnen. Nicht immer mit Erfolg, denn gute Liedbegleitung stellt zwar ganz andere Anforderungen, ist aber nicht viel einfacher als gutes Solospiel. Schon bald sind die ersten Beklagungen überliefert, `daß die Orgel höher spiele, als die Gemeinde singe'. (Auch Bach selbst bekam zu hören, `daß er bißher in dem Choral viele wunderliche variationes gemachet, viele frembde Thone mit eingemischet, daß die Gemeinde drüber confundiret worden.') Da man von den Laien nun einmal nicht dieselben Leistungen erwarten durfte wie von den professionellen Instrumentalisten oder Chören, entstanden schließlich neue Formen wie die Kantate oder das Oratorium, die aber bald den Rahmen des Gottesdienstes sprengten (und in denen die Orgel nie eine große Rolle gespielt hat).

    Keine wichtige Rolle der Orgel im Gottesdienst

    Oft teilte sich der Weg der Kirchenmusik: An den Höfen und Kathedralen wurde unvergleichlicher barocker Prunk entfacht, aber in den kleineren Kirchen sank das musikalische Niveau deutlich. Aus dieser Zeit stammt also die zentrale Rolle in unserem Gottesdienst, und sie ist durchaus zweischneidig. Kein anderes Musikinstrument wird so automatisch mit einem Anlass assoziiert wie die Orgel mit dem Gottesdienst, aber sicher hätte die große Mehrzahl der Kantoren lieber mehr Chorsänger und Instrumentalisten im Gottesdienst als mehr Zeit, um sich selbst auf der Orgel hervorzutun. Auch die größten Entwicklungen und Leistungen der Orgelbauer, Komponisten und Interpreten passen oft nicht recht zu dieser Rolle. Welches `Gipfelwerk' der Orgelmusik, ob von Bach oder Reger oder Messiaen, passt schon in einen normalen Gottesdienst? Nicht zufällig stammen die größten Orgeln und Orgelwerke aus der Zeit, als die Kirche langsam an Einfluss zu verlieren begann. Lange Zeit konnten Komponisten nur für Fürsten und Kirchenfürsten arbeiten. Als es möglich wurde, Komponist auf eigene Rechnung zu sein, verlor sie die Vormachtstellung als Arbeitgeber. In der Kunstgeschichte brach die Romantik an, die das Neue, Ausgefallene und Individuelle forderte. Tradition und Ritus waren plötzlich unzeitgemäß. Bezeichnenderweise blieb die Kirchenmusik in der Entwicklung fast stehen (keine Messe ohne Fuge!), während alle anderen Zweige sich stürmisch voran entwickelten. Neue technische Errungenschaften kamen auch dem Orgelbau zugute.

    Und was bleibt heute davon übrig?

    Da die Klangfarbe nun als wichtigstes Ausdrucksmittel galt, erfand man immer neue Register, bis hin zur spätromantischen Orchesterorgel, die man als peinliche Verirrung oder geniale Neuerung ansehen kann. Es entstand zum ersten Mal eine große rein weltliche Aufführungspraxis: Orgeln wurden in Theater und Konzertsäle gebaut, Virtuosen reisten umher und spielten alles Erdenkliche von der Nationalhymne bis zum Hummelflug. Heute ist von dieser Entwicklung wenig geblieben: Viele Konzertorgeln sind so vernachlässigt, dass man sie besser nicht benutzt, im Orgelbau ist die historisierende Bewegung am Ruder, und nur sehr wenige Interpreten können allein von ihrer Kunst leben.

    Die Orgel kann eine große Bereicherung sein...

    Aber auch die `geistliche' Orgel hat ihre große Zeit hinter sich: Inzwischen kann sie sich selbst die Kirche kaum noch leisten. Zwar steht nach wie vor in jeder Kirche eine Orgel, und in jedem Neubau wird eine installiert; aber der Neubau von Kirchen ist selbst zur Ausnahme geworden. Stattdessen muss auf jedem Gebiet gespart werden, selten durch Verkauf von Kirchen und Orgeln, gewöhnlich aber durch Stellenabbau. Der einsame, überqualifizierte Organist im heutigen Gottesdienst ist kein Alleinherrscher, sondern existenzbedrohtes Überbleibsel einer großen Tradition.

    ...aber auch ein Ausdruck von alternativloser Armut.

    Deshalb ist für mich die Orgel (als Musikinstrument) zwar eine Bereicherung, aber das Orgelspiel (als alternativlose Gottesdienstgestaltung) ein Ausdruck von Armut: Es symbolisiert den Verlust an Vielfalt, die einmal möglich war.

    Kilian Foth (Spielt seit Jahren die Orgel in der Mennonitengemeinde zu Hamburg-Altona.)


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