Gesundheit

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    Angst haben oder mit der Krankheit leben

    Von Martin Wedler

    Ist Gesundheit ein Thema für eine christliche Zeitschrift? Ich denke schon, denn wie sagte schon Luther: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Und wie oft hört man: "Hauptsache gesund!" Neben dem Wetter gehört die Gesundheit wohl zu den "wichtigsten" Gesprächsthemen.

    Im mittleren Alter eher in Form von Fithalten, Schlankbleiben und Sporttreiben, bzw. die Gesundheit der Kinder und Eltern und Großeltern. Bei allen wird Gesundheit mit fast allen Mitteln angestrebt und als Basis für ein glückliches Leben angesehen. In diesem Sinne könnte man manche Frage stellen:

    Sind die Arztpraxen die Beichtstühle der Gegenwart? Kasteien wir uns im Fitnessstudio? Geben wir den Zehnten an die Krankenversicherung? Sind die Einzelzimmer im Krankenhaus die modernen Klosterzellen? Sind Rezepte die Ablassbriefe der Gegenwart? Beginnt das ewige Leben, nachdem die Kinder aus dem Haus sind? ...

    Über die Auswüchse kann sicher jeder lächeln, aber wo beginnt es bei uns Normalmenschen? Ist ein Hamburger eine Sünde? Darf man in Wohnungen rauchen? Wie viele zusätzliche Kilos sind zu vergeben? Sind zehn Lagen Kleidung plus Kissen an einem Wintertag für das Baby genug Schutz vor der bösen Welt?

    Den Glauben an die Gesundheit kann man also schon als eine Art Religion verstehen. Das Idealbild des jungen Menschen ist geprägt von Schönheit und Leistungsfähigkeit. Gesundes Haar, gesunde Haut, gesunde Fingernägel gehören dazu. Der Badezimmerspiegel wird zum Altarbild, an dem die morgentlichen Rituale vollzogen werden. In der stillen Zeit im Badetempel werden dem Spiegelbild Salben, Düfte und Pillen geopfert.

    Der Alltag wird von der Sorge um die Gesundheit geprägt. Beim Essen achtet man auf Kalorien, Vitamine und Cholesterin. Beim Arbeiten sollte der Schreibtischstuhl ergonomisch sein. In der Freizeit sollte man Sport treiben und täglich ein paar Kilometer joggen oder walken. Nikotin, Koffein und Alkohol sollte man möglichst ganz meiden. Und wer dann noch regelmäßig lacht, dessen Glück steht nichts mehr im Weg.

    Stammzellenforscher wollen Geld verdienen

    Es verbinden sich gewisse Heilserwartungen an die Gesundheit. Die Prophezeiungen der Stammzellenforscher sind da nur ein Extrembeispiel. Mit Mitleidsargumenten werden dort wirtschaftliche Interessen eingefordert. Denn sicher sind die Forschungsmittel und Gewinne für Patente - ob jemals ein Mensch damit geheilt wird, kann dagegen noch niemand sagen. Die Erfolge bei Tieren sind eher zwiespältig: bisher unerwartete und unkontrollierbare Nebenwirkungen dämpfen die Hoffnungen. Im Übrigen könnten mit den Geldern in ärmeren Ländern sofort tausende Menschen geheilt werden.

    Die Behinderten haben in der entsprechenden Bundestagsdebatte gesagt, sie wollten vielmehr so akzeptiert werden, wie sie sind, als geheilt werden. Genau hier scheint mir ein entscheidender Punkt in der Debatte zu liegen. Denn welche Ängste stecken hinter dem Wunsch ohne Mangel zu sein? Ist es die Angst, nicht mehr liebens-würdig zu sein?

    Warum besteht so eine große Angst vor einem behinderten Kind? Ist es die (berechtigte) Angst, dass sowohl Kind als auch Eltern ausgegrenzt werden könnten? Warum besteht die Angst, im Alter ins Altersheim zu kommen? Es ist ja nicht nur die Angst vor den Krankheiten und Gebrechen - für die Schmerzen gibt es ja schon einige Mittel.

    Den christlichen Standpunkt würde ich daher für mich so zusammenfassen: Mit der Krankheit und den Kranken leben, statt sie zu verdrängen und sich zu perfektionieren. Die Ziele würden sich dadurch verschieben. Es ginge nicht mehr darum, für jede Krankheit ein Heilmittel zu finden, sondern Möglichkeiten, mit einer Krankheit zu leben. Das hieße zum einen wirksame Schmerztherapien zu entwickeln, zum anderen die Ausgrenzung von Kranken weiter zurückzudrängen. Krankenhäuser sollten also keine geschlossenen Anstalten sein, sondern ihre Grenzen offen halten.

    Den Patienten sollten weiter Möglichkeiten geschaffen werden, am normalen Leben teilzunehmen. Anfänge existieren ja bereits: Man kann am Wochenende nach Hause, ambulant kleinere Operationen durchführen lassen, Besuche bis abends empfangen... Im Gegenzug können Eltern bei ihren Kindern übernachten und Väter bei der Geburt dabei sein, was lange nicht selbstverständlich war.

    Ausgrenzung alter Menschen

    Entsprechendes gilt für die Ausgrenzung alter Menschen. Ambulante Pflegedienste unterstützen bei der Pflege in der vertrauten Umgebung und der Name Seniorenresidenz drückt zumindest ein anderes Selbstverständnis aus, als der belastete Begriff Altersheim. Das Ideal, in einer Großfamilie in Würde alt zu werden und zu sterben, hat so wahrscheinlich nie existiert, und ist deswegen auch kaum erstrebenswert. Eine Durchmischung der Generationen ist zu einem großen Teil eher eine architektonische Frage. Wohnungen und Stadtviertel müssten dementsprechend konzipiert werden.

    Manche Vision ist schon verwirklicht worden: Neben den immer absurder werdenden olympischen Spielen (Gendoping soll bald möglich sein) werden die Paralympics zu einer immer mehr beachteten Veranstaltung. In den Niederlanden sind Wohnkonzepte für das Zusammenleben von jung und alt entwickelt und verwirklicht worden. In Italien sind vor Jahren alle psychiatrischen Anstalten aufgelöst worden.

    Martin Wedler


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