Gewalt überwinden

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    Schritte gegen Tritte

    Jugendpastorin Martina Basso über Jugendarbeit gegen Gewalt

    Geht es um das Thema "Gewalt", so wird in den Medien hauptsächlich Jugendgewalt und Jugendkriminalität aufgegriffen. Boulevardmedien suchen nach besonders krassen Auswüchsen von Gewalt, um sie medienwirksam ins Bild zu setzen. Suggeriert wird eine sprunghaft angestiegene Jugendkriminalität.

    Tatsache jedoch ist, dass die Jugendkriminalität nicht zugenommen hat - laut PKS (= Polizeiliche Kriminalitätsstatistik), so mensch Statistiken richtig interpretiert und sie nicht undifferenziert auswertet, und laut Untersuchungen von Kriminologen1. Tatsache ist auch, dass Gewalt nicht unbedingt quantitativ zugenommen hat, sondern dass sie sich qualitativ gesteigert hat - und zwar nicht nur unter Kindern und Jugendlichen, sondern in der Gesamtgesellschaft.

    Qualitative Steigerung

    Zwei kleine Beispiele: Waren es früher die Fäuste, die auf dem Schulhof flogen, so sind es heute vermehrt Messer oder gar Pistolen. War es früher der erhobene Finger oder ähnliches, wenn es Konflikte im Straßenverkehr gab, so häufen sich heute Versuche von Körperverletzung oder Nötigung z.B. durch (versuchte) Abdrängung des Wagens von der Fahrbahn. Tatsache ist ebenfalls, dass folgende drei Faktoren Jugendgewalt begünstigen:

  • die Erfahrung innerfamiliärer Gewalt
  • gravierende soziale Benachteiligung der Familie
  • schlechte Zukunftschancen des Jugendlichen selbst aufgrund eine niedrigen Bildungsniveaus

    Ebenso ist es erwiesene Tatsache, dass Gewalt primär männlich ist. Jugendgewalt ist nicht einfach gestiegen bzw. hat sich verändert, weil die Jugendlichen heutzutage "bösere Menschen" sind als frühere Generationen. Die Qualität von Gewalt überhaupt und weltweit hat sich verändert - Jugendliche sind da nur ein Teil und Spiegel der Gesamtgesellschaft. Gewalt und Einsatz von Gewalt sind zu "Bestandteilen der Weltkultur" (Konrad Raiser) geworden. Je höher die soziale Ungerechtigkeit, je deutlicher es eine Winner - Loser - Gesellschaft gibt, desto ausgeprägter ist das Gewaltpotential. Je weniger eine konstruktive Auseinandersetzung mit problematischen Männlichkeitsvorstellungen existiert, desto höher ist das Gewaltpotential - vor allem Mädchen und Frauen gegenüber. Was Menschen immer mehr über politische und gesellschaftliche Schranken hinweg verbindet, sind eher gemeinsame Furcht und Erfahrung von Gewalt als gemeinsame Hoffnungen und Ziele.

    Gewalt überwinden - ein Programm des ÖRK
    Anfang 2001 wurde die Kirchendekade zur Überwindung von Gewalt ausgerufen. Kirchen weltweit sollen die verbreitete Gewaltkultur in Frage stellen und dazu beitragen, eine Kultur des gerechten Friedens zu schaffen. Kirchen sollen eine treibende Kraft im Widerstand gegen die Auffassung sein, dass Gewalt eine unvermeidliche Dimension des menschlichen Lebens sei. Auch ich gehe davon aus, dass sowohl der einzelne Christ/die einzelne Christin als auch die Kirchen dazu berufen sind, Frieden in Gerechtigkeit zu schaffen. Frieden ist biblische Vision und christliches Gebot.

    Konflikte sind zwar ein normaler Aspekt des menschlichen Miteinanders, die aber eben nicht notwendigerweise zu Gewalt führen müssen. Wir müssen auf allen Ebenen lernen, kreativ mit Konflikten umzugehen und zu lernen, mit Konflikten zu leben und/oder Mittel und Wege zu finden, sie beizulegen, zu schlichten oder umzuwandeln.

    Geschlagen wird weltweit

    Gewalt entsteht teilweise durch Systeme und Strukturen, die den Menschen die Möglichkeit rauben, unter menschenwürdigen Bedingungen zu leben. Eines dieser Systeme ist die Globalisierung, d.h. die auf dem ausschließlichen Prinzip des weltweiten Austausches beruhende Transnationalisierung von Kapital und Produktion. Die Globalisierung zentralisiert zunehmend Kontrolle und Macht und verlagert grundlegende wirtschaftliche, soziale und politische Entscheidungen von der lokalen und nationalen auf die globale Ebene - es entstehen Riesenkonzerne. Darüber hinaus zwingt das System einzelnen und Gesellschaften in aller Welt Normen wie politisches Wachstum, Konsumdenken, Privatisierung, Individualismus und die Einteilung der Menschen in Gewinner und Verlierer auf. Diese Normen verstärken und beschleunigen im Interesse des Profits einer Minderheit die Trennung, Isolierung und Ausgrenzung von Menschen und sind somit eine der Hauptursachen von Gewalt zwischen einzelnen, Gruppen und Nationen.

    Gewalt entsteht auch im Herzen und im Kopf des Menschen. Einzelne und Gruppen sehen einander oft nur noch als Stereotypen und neigen bisweilen dazu, ihre Gegner - oder ganz einfach Menschen, die anders sind als sie selbst - zu verteufeln. Da können sich Kirchen und Gemeinden der unterschiedlichsten Glaubensausrichtungen alle an ihre eigene Nase fassen...

    Überall in der Welt halten Familien Prügel und Schläge für ein Mittel zur Disziplinierung. Eltern schlagen ihre Kinder und Männer ihre Frauen Die langfristigen Schäden aller Art sind sehr viel größer als der kurzfristige Nutzen.

    Die Überwindung von Gewalt setzt voraus, dass wir uns mit diesen und weiteren Ursachen und Symptomen von Gewalt auf ihren verschiedenen Ebenen auseinandersetzen.

    Gewalt überwinden - Konkret und vor Ort: ein Beispiel aus der Jugendarbeit
    Bei der vorangegangenen Betrachtung will und kann ich natürlich nicht stehenbleiben, sondern will sie mit einflechten lassen in meine Arbeit.

    Bei einem Jugendwochenende Anfang 2000 in Krefeld wurde das Thema aufgegriffen unter dem Motto "Schritte gegen Tritte - vom Umgang mit Gewalt". Während der Silvesterfreizeit 1999/2000 fielen Bemerkungen von Teilnehmenden bezüglich MitschülerInnen mit Eltern ausländischer Herkunft. Das war der konkrete Anlass zu dem Thema.

    Im ersten Schritt sollte die komplexe Frage angeschnitten werden, was denn nun eigentlich Gewalt sei. Die Gruppe sollte Karten mit kurzen Situationsbeschreibungen auf einer imaginären Skala, die sich zwischen "keine Gewalt" und "Gewalt" bewegte, zuordnen. Zudem mussten sie versuchen, einen Konsens über die Einordnung zu finden.

    Einige Situationsbeispiele:

  • ein Zuschauer, der schweigt, wenn jemand Ausländer beschimpft
  • ein Profiboxer
  • ein Autofahrer mit Blitzstart an einer Verkehrsampel
  • ein Berufssoldat
  • ein Friedensdemonstrant, der die Zufahrt zu einem Raketenabschusslager blockiert

    Fazit: es wurde deutlich, wie vielschichtig Gewalt eigentlich ist. Es gab nur sehr wenige einstimmige Einordnungen auf der Skala. In einem zweiten Schritt sollte auf das Beobachten und Erleben von Gewalt eingegangen werden. Die Teilnehmenden entwarfen (Alltags-) Situationen, in denen sie Gewalt beobachteten oder erlebten. Diese wurden in Rollenspielszenen vorgestellt und im anschließenden Gespräch bearbeitet.

    In einem dritten Schritt ging es um eine konkrete eskalierte Situation, die Anfang der neunziger Jahre in der Berliner U-Bahn geschehen war. Dieser Konflikt zwischen jungen Türken und Ostberliner Skinheads mit Todesfolge wurde als dokumentarisches Fernsehspiel nachgestellt und im Fernsehen ausgestrahlt (Die Videokassette kann gerne bei mir ausgeliehen werden. Titel: "2 Minuten", Deutschland 1996). Anhand dieses Films, der auf erschütternde Weise versucht, das Leben der Beteiligten darzustellen - mit allen Alltagsproblemen und Visionen und Freuden -, wird sehr deutlich, dass die Ängste, Wünsche, Sorgen und Träume der zwei "feindlichen Lager" sich kaum voneinander unterscheiden.

    In einem vierten Schritt ging es dann im Gottesdienst um Passagen der Bergpredigt (Matthäus 5, 38 - 48) und um die Frage, wo und wie uns dieser Text heute anspricht. Mit einem Jugendwochenende ist das Thema natürlich nicht "abgehakt", als Einstieg in die "Problematik" allerdings geeignet.

    Immer wieder muss deutlich werden: Gewalt beginnt nicht erst mit einem Schlag ins Gesicht, Gewalt beginnt dort, wo wir unserem Gegenüber seine Würde / Existenzberechtigung / sein Recht auf "Anderssein" bestreiten.

    Martina Basso

  • Noch mehr Informationen gibt es beim ökumenischen Rat der Kirchen, www.wcc-coe.org


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