Gewalt überwinden

| Titelbild |

    Dekade zur Überwindung von Gewalt

    Gabe Hoekema sprach mit Fernando Enns über die Dekade und die Bedeutung "mennonitischer Theologie"

    Wer sind Sie? Wo kommen Sie her, was ist ihr Beruf, welche Rolle spielen Sie in Mennonitengemeinden?

    Geboren bin ich in Curitiba, Brasilien (1964). Meine Großeltern gehörten zu den Menno-niten, die es durch die Wirren in Europa in der ersten Hälfte des 20.Jhs. nach Südamerika verschlagen hatte. Ich verbrachte meine ersten, bewusst erlebten Jahre in Witmarsum, einer mennonitischen Kolonie im brasilianischen Bundesstaat Paraná.

    Anfang der siebziger Jahre kam meine Familie nach Deutschland. Zunächst sollten es nur wenige Jahre sein, doch dann übernahm mein Vater die Pfarrstelle in Enkenbach/Pfalz, und wir blieben. Hier wuchs ich in dem reichen Leben der Mennonitengemeinde auf, mit seinen schönen Gottesdiensten, der aktiven Jugendarbeit und dem großen Chor.

    Erst während des Zivildienstes (Ersatzdienst zum Militär) kam es zur Ent-scheidung, Theologie zu studieren. So kam ich das erste Mal nach Heidelberg an die Evangelische Fakultät. Mich beeindruckten die guten Vorlesungen, doch bemerkte ich auch die Lücke in dem ansonsten hervorragenden Lehrangebot der Universität Heidelberg. Zur Täufer- und Mennonitengeschichte gab es kaum etwas. Deshalb ging ich nach Elkart/Indiana, um dieses Defizit auszugleichen. Kurz vorher hatte ich meine deutsch-japanische Frau Renate, geb. Schneiss geheiratet und wir erlebten gemeinsam ein sehr eindrückliches Jahr in der mennonitischen Welt Nordamerikas. Das Studium schloss ich dann in Heidelberg ab, um in der Mennonitengemeinde Krefeld die Pfarrstelle zu übernehmen.

    Die Kontakte zur Universität Heidelberg blieben aber bestehen, und ich erhielt bald ein Angebot, im Ökumenischen Institut und Studentenwohnheim als Studienleiter zu arbeiten, verbunden mit der Möglichkeit zu eigenen For-schungsarbeiten. Der Abschied von der Gemeinde fiel nicht leicht, denn in kürzester Zeit fühlten wir uns durch die wertvollen Kontakte in Krefeld zuhause. In Heidelberg sind wir nun seit einigen Jahren und wohnen in dem internationalen Haus mit den vielen ökumenischen Studierenden unter einem Dach, das Unterrichten macht mir große Freude. Die Dissertation zum Thema "Die implizite Ekklesiologie der Historischen Friedenskirchen im Horizont der Ökumene" ist gerade abgeschlossen.

    Der Kontakt zu den Mennonitengemeinden bleibt mir sehr wichtig. Sie sind meine Heimat. Seit 1994 ist es meine Aufgabe, die Mennoniten in der deutschen und internationalen Ökumene (ÖRK) zu vertreten. In der Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden arbeite ich im Vorstand als stellvertretender Vorsitzender mit.

    Womit beschäftigt sich der Ökumenische Rat der Kirchen zur Zeit in Bezug auf die Dekade zur Überwindung von Gewalt?

    Zur Zeit laufen die Vorbereitungen für die internationale Eröffnung der Dekade. Wenn der Zentralausschuss im Januar 2001 in Berlin und Potsdam tagt, dann soll dies einer der Höhepunkte werden. Möglichst öffentlichkeitswirksam (z.B. Fernsehgottesdienst am 4.2.2001) sollen die Ziele und Herausforderungen der Dekade dargestellt und diskutiert werden. Inzwischen wurde auch eine 10köpfige internationale "Reference Group" eingerichtet, in der ich die Stimme der Historischen Friedenskirchen vertrete. Diese Gruppe soll den Prozess während der nächsten 10 Jahre begleiten.

    Darüber hinaus versucht der ÖRK in der derzeitigen Vorbereitungsphase, die Dekade in den verschiedenen Regionen der Welt anzustoßen. Ich komme gerade aus Indonesien zurück, wo der Nationale Kirchenrat die Dekade für Indonesien eröffnet hat. Ich war eingeladen, die Ziele der vor uns liegenden Dekade vorzustellen. Der "Erfolg" der Dekade wird entscheidend davon abhängen, ob diese Idee von den einzelnen Weltregionen angenommen und zu eigen gemacht wird. In Deutschland sind wir bereits dabei, eine eigene Koordinationsstelle einzurichten, die im Auftrag der Ökumene in Deutschland die verschiedenen Aktivi-täten koordinieren soll. Der Enthusiasmus der deutschen Kirchen überrascht mich, stimmt mich aber auch sehr zuversichtlich.

    Ist die Friedenstheologie für Sie eine Sache der Theologie oder der Praxis?

    Ich meine, diese Frage ist so nicht zu beantworten, denn sie suggeriert, man könne das eine vom anderen trennen. Das wäre aber gerade in dem Ringen um Gewaltfreiheit und Frieden fatal. Ich setze mich dafür ein, dass in der Dekade beides zusammengehalten wird: Gewalt werden wir nicht überwinden, wenn wir am Schreibtisch bleiben und schöne Interviews abgeben. Aber ich halte ebenso wenig von einem Aktionismus, der viel Kraft kostet und am Ende vielleicht eher der Befriedigung eigener Bedürfnisse dient, den Frieden aber keinen Schritt näher bringt. Ich meine, dass wir es uns leisten sollten, arbeitsteilig vorzugehen. Wir brauchen Menschen, die bereit sind, sich vor Ort als Friedensstifter zu engagieren, die Beziehungen aufbauen, die kreative, neue Wege ausprobieren, die Ausdauer haben und vertrauenswürdig sind.

    Wir dürfen aber gleichzeitig nicht darauf verzichten, alle Ressourcen zu nutzen, Gewalt in seinen Grundursachen zu analysieren und Modelle der gewaltfreien Konfliktlösung zu entwickeln. Wir müssen noch besser verstehen lernen, was da im Einzelnen vor sich geht. Wir brauchen die theologische Reflexion, um uns immer wieder zu vergewissern, ob das, was wir tun, auch tatsächlich mit den Grundinhalten unseres Glaubens übereinstimmt, bzw. wie das aus der Perspektive der Hebräischen Bibel und des Neuen Testaments interpretiert werden kann. Erst wenn wir diese unterschiedlichen Dimensionen des Friedensstiftens in einem gemeinsamen Diskurs zusammenhalten, können wir begründet von der Hoffnung auf eine "Kultur der Gewaltlosigkeit und des Friedens" sprechen.

    Ist die mennonitische Theologie für den Staat brauchbar oder nur für die christlichen Gemeinden?

    Gibt es das denn: die mennonitische Theologie? Ich meine, innerhalb der mennonitischen Geschwisterschaft eine ganze Reihe von Theologien festzustellen, und das ist wohl gut so, denn es gehört doch zu unseren mennonitischen Grundüberzeugungen, verschiedene Lehrauffassungen nebeneinander gelten zu lassen. Aber die Frage zielt ja auf ein anderes Problem: Kann man mit der Bergpredigt Politik machen? Mennoniten haben immer versucht, eine Alternative zu staatskirchlichen Modellen zu begründen, beispielsweise der Zwei-Reiche-Lehre Luthers oder der calvinistischen Vorstelllung eines christlichen Staates. Sie haben die Dualität von Gemeinde und Welt vertreten, um jeder Versuchung einer Doppelmoral oder eines zu schnellen Abrückens von den ethischen Forderungen des Neuen Testaments zu vermeiden.

    “Kultur des Friedens”

    Diese Haltung finden wir bei einigen Täufern des 16. Jahrhunderts. Oft war diese Haltung verbunden mit einer separatistischen Weigerung, politische Ämter zu übernehmen, um der Gefahr des Kompromisses zu entgehen. Ich meine, wir dürfen nicht vergessen, dass diese Aussagen in einer gesellschaftlichen Situation entstanden, in der die Täufer als Häretiker verachtet wurden, als Angriff auf die Integrität des Staates, und in der jede Form der Mitsprache unmöglich war. Heute dagegen leben wir in Demokratien, die uns einiges an Mitgestaltung erlauben und auch abverlangen. Wir können uns nicht heraushalten und unsere Privatreligion leben, Gewaltfreiheit nur in der Gemeinde praktizieren wollen. Wir sind heute aufgefordert, zu zeigen, inwiefern Gewaltfreiheit auch in Gesellschaft und Politik "funktioniert". In diesen Auseinandersetzungen merken wir, wie sehr wir immer schon Teil der Ambivalenzen sind. Ich bin z.B. ganz froh, dass der Staat, in dem ich lebe, eine funktionierende Polizei unterhält, zum Schutz der Wehrlosen und zur Eindämmung der Gewalt, auch wenn ich von einer Welt träume, in der das einmal überflüssig wäre. Und dennoch: unsere Perspektive als Gemeinde Christi ist die der Bergpredigt. Und unsere missionarische Aufgabe besteht darin, diese Perspektive einzubringen in den gesellschaftlichen Diskurs.

    Ich meine nicht, dass diese Perspektive nur in bestimmten Fällen zu vertreten ist, sondern dass sie unser gesamtes Leben bestimmen kann. Das ist ja gerade der Sinn des Aufdeckens der Intentionen der alttestamentlichen Gebote durch Jesus in der Bergpredigt. In jeder Situation, vor jeder politischen Frage werden wir daher auch danach fragen, welches unsere Stimme als Gemeinde Christi sein kann. Manchmal werden wir damit auch vernünftige Politik machen können, manchmal wird uns das aber eher in die Opposition führen. Eines muss uns allerdings klar sein: So oder so werden auch wir immer wieder mit schuldig werden und auf die vergebende Gnade Gottes angewiesen bleiben.

    Ist es möglich, dass die von Mennoniten vorgelebte Kultur von Frieden und Gewaltlosigkeit die Politik der Staaten, die auf Macht (und Emotion) gründet, nützt, oder braucht die Politik allgemeine (säkulare) Mediatoren, die keine Theologie lehren, sondern Methoden?

    Es gibt keine ideologiefreien "Methoden". Jede ethische Handlung ist bestimmt von Grundüberzeugungen, seien es Ideologien, so genannte empirische Erkenntnisse, Vernunft oder Religionen. Die Frage ist ja, wie wir damit umgehen in pluralistischen Gesellschaften. Diese funktionieren solange, wie es einen minimalen Wertekonsens gibt, in Deutschland ist das z.B. das Grundgesetz. Nun sind aber verschiedene Begründungen denkbar, warum man sich für Gewaltfreiheit einsetzt. Ich meine, ein pluralistischer Staat, in dem mehrere Religionen friedlich nebeneinander existieren sollen können, darf sich nicht auf eine einzelne beschränken. Andererseits ist auch klar, dass wir als Christen und als Mennoniten im besonderen unsere Motivation für gewaltfreies Handeln nicht verbergen sollten. Denn das gehört zu einem friedlichen Miteinander in pluralistischen Gesellschaften unausweichlich dazu: die Transparenz der Motive, warum wir was tun. Ich meine also, wir sollten selbstbewusst Zeugnis geben von der Hoffnung, die in uns ist. Wenn unser ethisches Handeln letztlich auf unseren Glaubensüberzeugungen ba-siert, dann sollten wir das auch sagen. Von anderen würde ich das auch immer erwarten wollen, damit sich ein sinnvoller Dialog ergibt.

    Was wollten Sie in ihrem Vortrag während der Theologischen Studientage in Heiligenstadt verdeutlichen?

    Ich habe bei den theologischen Studientagen der AMG versucht darzustellen, wie die Diskussion zur Friedenstheologie unter den Mennoniten im 20. Jh. gelaufen ist und welche Tendenzen sich abzeichnen. Dabei zeigt sich, dass die neuere Diskussion, die vor allem in Nordamerika geführt wird, sich mit Fragen der veränderten gesellschaftlichen Kultur unserer Gesellschaften und der Beziehung der Mennoniten dazu beschäftigt. Zum einen wächst das Bewusstsein für die Komplexität der Fragestellung, z.B. des Zusammenhangs zwischen Gerechtigkeit und Frieden. Zum zweiten meine ich, eine größere Bereitschaft zu theologischen Differenzierungen zu beobachten, im Gegensatz zu früheren, stärker auf historischen Argumentationen zurückgreifende Entwürfe. Und schließlich findet unter Mennoniten eine ökumenische Öffnung statt, bei gleichzeitiger Schärfung der eigenen Position.

    “Mennonitische Theologie?”

    Die Mennoniten gelten als eine der historischen Friedenskirchen. Dieses "Erbe" können wir aber nur sinnvoll beanspruchen, wenn wir auch die Begründungen, die zu einer gewaltfreien Ethik führen, verstehen. Das heißt, wir sollten nicht einmal gesetzte Normen absolut setzen, die aus vergangenen Tagen herrühren (im Grunde waren sie immer umstritten), sondern sie in ständiger Auseinandersetzung wiederzugewinnen suchen. Wir müssen das "Erbe" in unsere Situation hinein übersetzen. Als Korrektiv dienen uns dazu die biblischen Zeugnisse. So erkennen wir die Gewaltfreiheit und das Friedensstiften als ein zentrales Axiom einer Theologie aus friedenskirchlicher Perspektive. Das sollten wir weiter entwickeln. Wir müssen es lebendig halten, indem wir uns ständig fragen und von anderen fragen lassen, wie wir das in den jeweiligen Situationen leben wollen. Mennoniten in Kolumbien werden den Akzent vielleicht anders setzen als Mennoniten in den Niederlanden. Aber indem dies im Zentrum unserer Theologie und Gemeindepraxis steht, bleibt es ein lebendiges Zeugnis, so dass wir den Namen Friedenskirche zu recht tragen.

    Was haben die Mennoniten anderen Kirchen auf theologischer Ebene zu bieten? Ist die Einheit von Christologie, Ekklesiologie und Ethik das Besondere, oder ist nach Ihrer Meinung die Christologie anders...?

    Sicherlich haben auch die anderen Konfessionen immer versucht, Christologie, Ekklesiologie und Ethik in ein sinnvolles Verhältnis zueinander zu setzen. Täufer / Mennoniten haben das auf ihre Weise getan. Es kam Ihnen dabei weniger auf die Entwicklung einer verbindlichen Lehre an, sondern eher auf die überzeugende und authentische Lebenspraxis. So sind sie vielleicht weniger an einer Rechtgläubigkeit (Orthodoxie) interessiert, als vielmehr an der rechten Lebensführung (Orthopraxie). In der Christologie geht es demnach stärker um das Verstehen des ethischen Vorbildes Jesu, des Lehrers, als um die Klärung der Zwei-Naturen-Lehre.

    Die Geschichten der Evangelien wurden hier stärker rezipiert als die paulinische Theologie. In der Ekklesiologie ging es stärker um die Frage der wahren, überzeugten, sichtbaren Gemeinde, als um die Klärung von Ämtern und ihrer Apostolitzität. In der Ethik ging es stärker um die alltägliche Nachfolge als um die Frage, ob und wie ein Staat auf christliche Weise zu regieren sei. In allem lässt sich feststellen: Die Perspektive der Theologie ist eine andere als in manchen der anderen Konfessionen, besonders der Staatskirchen. Sie ist kontextuell und basisorientiert. Das mag ein Ergebnis der Verfolgungssituation in früheren Jahrhunderten sein. Heute können wir all das in den ökumenischen Dialog einbringen und uns eventuell von dort auch korrigieren lassen. Denn Mennoniten haben durch diese Perspektive heute auch ihre ganz eigenen Probleme.

    Sind Bender und Yoder noch aktuelle Theologen für Sie oder müssen neue Einfallswinkel gesucht werden? Welche Rolle spielt das AT?

    Harold S. Bender und John H. Yoder haben je auf ihre eigene Weise viel zur Identitätsbildung der Mennoniten im 20. Jh. beigetragen und diese Stimme in der ökumenischen Diskussion vertreten. Bender ging es vor allem darum, dass Mennoniten tatsächlich mit einer eigenen Position auftreten, wo das nötig erscheint. Wir sehen heute allerdings, dass er dies auf der Grundlage einer Idealisierung des Täuferbildes durchführte, die so nicht zu halten war. Er griff eine Gruppierung des Täufertums heraus (Schweizer Brüder und andere pazifistisch Gesinnte), um daraus die wichtigsten Überzeugungen für heutige Mennoniten abzuleiten. Dadurch begab er sich in die Gefahr, dass letztlich die heute für sinnvoll erachteten theologischen Überzeugungen in das Täufertum zurückprojiziert wurden und aus dieser Perspektive erst entschieden wurde, wer die "echten Täufer" waren. Problematisch wurde das, als die historische Forschung zeigen konnte, dass die Täuferbewegung sehr viel pluraler war, als Bender das angenommen hatte. Die pazifistische Position ist mit historischen Argumenten allein nicht glaubwürdig zu vertreten.

    Yoder vereinfacht

    Bei Yoders Entwürfen zur mennonitischen Friedenstheologie liegen die Probleme an anderen Stellen. Er versucht stärker, die pazifistische Position aus einer neutestamentlichen Ethik zu entwickeln. Man wird dem Denken Yoders nicht wirklich gerecht, wenn man lediglich einige kritische Anfragen stellt. Dennoch will ich das hier - um der Diskussion willen - andeuten. Es fällt auf, wie stark er die christliche Gemeinde idealisiert. Schwächen, Schuldverstrickungen und Versagen der Gemeinde werden nicht gesehen und folglich auch nicht theologisch reflektiert. Auf der anderen Seite zeichnet Yoder immer ein vereinfachtes, stigmatisiertes Bild von der staatskirchlich-protestantischen und römisch-katholischen Tradition, das diesen Kirchen in ihrer Gestalt des 20.Jhs. kaum gerecht wird. Ich meine, wir müssen die anderen Konfessionen auch in ihrer Pluralität wahrnehmen. Unsere Dialogpartner sind andere als die der Täufer: nicht die mittelalterliche katholische Kirche und nicht Luther oder Calvin, obwohl deren Theologien natürlich immer noch identitätsstiftend sind für die Konfessionen. Darüber hinaus frage ich mich, ob Yoder nicht zu stark in den Kategorien verhaftet bleibt, die er eigentlich zu kritisieren sucht. Die Herrschafts- und Machtstrukturen werden in Frage gestellt durch die Alleinherr-schaft des Pantokrators Christus. Natürlich weist Yoder auf die völlig andere Herrschaftsform der mitleidenden Liebe bis ans Kreuz hin. Am Ende aber herrscht Christus!

    Ist das konsistent? Feministische und befreiungstheologische Ansätze haben dieses Gottesbild thematisiert und alternative Konzepte vorgelegt. Und schließlich ist damit auch der Blick auf die Hebräische Bibel, das Alte Testament verbunden: Glauben wir wirklich, wie manche der Täufer, an die klare Vorrangstellung des NT? Können wir den Juden Jesus tatsächlich verstehen auf dem Hintergrund von Verheißung (AT) und Erfüllung (NT)? Ich meine, hier liegt eines der größten Defizite mennonitischer theologischer Ansätze. Die Berücksichtigung von Gerechtig-keitsverständnissen im AT sind m.E. unerlässlich, wenn wir heute eine Friedenstheologie auf der Grundlage des jüdisch-christlichen Geschichts-stromes vertreten wollen.

    Was können Mennoniten in Deutschland Ihrer Meinung nach während der Dekade des ÖRK tun?

    Sicherlich sind Mennoniten als eine der historischen Friedenskirchen eine bedeutende Stimme im Chor der Ökumene. Sie haben, und das zeigt ja auch unsere Initiative zur Dekade, in ihrer Tradition das Bewusstsein bewahrt, dass das Friedenszeugnis konstitutiv ist für die christliche Identität. Mennoniten können so etwas wie ein Anwalt in dieser Sache sein. Allerdings zeigt es sich, dass sich auch in anderen Kirchen Menschen für die Gewaltfreiheit einsetzen und z.T. ganz professionelle und theologisch reflektierte Friedensarbeit leisten. Ich meine, wir sollten stärker noch als bisher den Kontakt mit diesen Gruppen und Initiativen suchen, Koalitionen bilden.

    Vielleicht ist es die Aufgabe der Mennoniten, so etwas wie der "Stachel im Fleisch der weltweiten Ökumene" zu sein, den Versuchungen der gewaltsamen Konfliktaustragung zu widerstehen und unablässig für den Weg der Gewaltlosigkeit einzutreten. Ich wünsche mir auch, dass unsere Gemeinden an den Orten und Städten, wo sie vertreten sind, lokale Bündnisse gegen Gewalt initiieren. Das wird auf ganz unterschiedliche Weise geschehen. Und natürlich werden wir die innermennonitischen Diskussionen zur Gewaltlosigkeit wieder stärker betreiben als bisher.

    Fernando Enns wird immer mit dem ÖRK verbunden und der Dekade zur Überwindung von Gewalt und für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit. Haben Sie davon schon genug? Ich denke, dies ist nicht Ihr einziger Lebensinhalt, so wichtig es auch ist. Gibt es noch einen anderen Fernando Enns?

    Die Dekade hat mich in den vergangenen Monaten natürlich stark beschäftigt, aber das ist eine schöne Herausforderung. Wir stehen ja erst ganz am Anfang! Und ich habe noch nie das Gefühl gehabt, alleine für diese Sache zu stehen. Ich meine aber, dass das Thema der Dekade natürlich auch etwas mit meinem übrigen Leben zu tun hat. Sie stellt z.B. eine enorme Bildungsaufgabe dar. So findet dieses Engagement auch Eingang in den Unterricht mit den Studierenden, was auch für mich sehr anregend ist.

    Auch das alltägliche Zusammenleben mit Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und Konfessionen im Ökumenischen Studentenwohnheim ist eine ständige Herausforderung zur Überprüfung eigener Positionen und Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens. Das empfinde ich als Privileg.

    Die Fragen des friedlichen und gerechten Miteinanders gehören in den Alltag jeder Beziehung. Dass dies aber nicht nur Arbeit und Mühe ist, sondern auch große Freude macht und oft genug Anlass zum Feiern bietet, das erfahre ich ständig. Insofern ist es z.Zt. vielleicht ein Lebensthema. Aber ist das so ungewöhnlich für einen Mennoniten?

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Fernando Enns, Gabe Hoekema

  • Noch mehr Informationen gibt es beim ökumenischen Rat der Kirchen, www.wcc-coe.org


© www.jungegemeinde.de