Mennos 3000
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    Muss das so sein?

    Mechthild Schulz reagiert auf Peter Foths Thesen über kleiner werdende mennonitische Gemeinden. Sie ist Gemeindeglied in Hamburg-Altona und hielt diese Erwiderung im April 1999 in Groningen.

    Peter Foth hat uns logisch und mit Zahlen untermauert erklärt, dass unsere Gemeinden kleiner werden und dass sich das wohl auch so fortsetzen wird.
    Ich habe mir nun einige Gedanken zu der Frage gemacht: Muss das so sein? Wollen wir uns weiter damit zufrieden geben, dass wir weniger werden und dass wir scheinbar kein Profil haben, das uns von anderen unterscheidet? Das es "lohnenswert" macht, mennonitisch zu sein. Ich will einmal etwas aus Sicht eines Hamburger Gemeindeglieds erzählen. - Zugegeben, es gibt heute weniger Kinder in mennonitischen Familien als früher, aber laut Gemeindeliste leben da doch eine ganze Reihe, nur die Gemeinde sieht sie fast nur an Weihnachten. - Einige treffen sich einmal im Monat an einem Samstag, um den Nachmittag miteinander zu verbringen und sich mit biblischen Geschichten oder Themen zu befassen.

    Gründe für den mageren Kirchenbesuch

    Als zwei Gründe für den mageren Kirchenbesuch sehe ich die meist weiten Wege zur Kirche und dass Einiges an guter Tradition verloren gegangen ist: Man geht nicht mehr grundsätzlich am Sonntag zur Kirche. Familien - besonders wenn beide Partner berufstätig sind - möchten den Sonntagvormittag zum Ausschlafen und genießen haben. - So kann dann keine Kirchengewöhnung entstehen und auch die Kinder vermissen nichts, wenn sie nicht in der Gemeinde waren. Schade, denn viele Dinge in unserem Leben eignen wir uns durch Gewöhnung an, sie ist ein Teil der Kindererziehung. In die Kirche gehen gehört heute offenbar nicht mehr dazu.
    Trotzdem kommen entgegen dem allgemeinen Trend doch immer mal wieder junge Leute zum Gottesdienst - besonders solche, die mal ein Jahr als Trainee in Amerika waren und dort Gemeinde ganz anders erlebt haben. Sie suchen auch bei uns Gemeinschaft, aber sie kommen an verschiedenen Sonntagen, so daß sie sich kaum treffen, fühlen sich dann etwas verloren und tauchen immer seltener auf. So kann keine Gemeinschaft entstehen.

    Auf der Suche nachZusammengehörigkeit

    Stichwort Gemeinschaft. Ich denke, das könnte ein Teil unseres vermissten Profils sein oder werden. - Eine starke Gemeinschaft wird uns sogar in der Fernsehwerbung als erstrebenswert vorgestellt. - Mir gefällt der Ausdruck: Zusammengehörigkeitsgefühl besser. Ich gehöre dazu! Das vermittelt Geborgenheit, die wir ja mehr oder weniger alle suchen. Auf die Leute in meiner Gemeinde kann ich vertrauen. Das ist mehr als die gleiche theologische Richtung, ja den gleichen Glauben zu haben. Ich bin Mennonitin, das verbindet mich mit den anderen Mennoniten in aller Welt, das macht mich zum Teil einer großen Familie. Ich empfinde das besonders, wenn wir mennonitische Gäste aus anderen Ländern haben, die sich über das Adressenverzeichnis von "Mennonite Your Way" angemeldet haben. Es sind zunächst fremde Menschen und doch vertraue ich ihnen und sie uns, weil wir Mennoniten sind.
    Ich denke: Diese Besonderheit, die uns von anderen Kirchen mit ähnlichem Glauben unterscheidet, zu stärken ist unsere Chance.
    Ich gehe in den Gottesdienst in Altona nicht nur um eine gute Predigt zu hören, Gott anzubeten und meinen Glauben zu stärken. - Das kann ich inzwischen in der evangelischen Kirche um die Ecke auch. - Ich gehe in den Gottesdienst nach Altona um Menschen zu treffen, denen ich mich in dieser besonderen Weise zugehörig fühle.
    Um dieses wertvolle Erbe weiter zu vermitteln braucht es Anstrengungen. Besonders für nicht kirchengewöhnte Menschen, denen es nicht zur Gewohnheit geworden ist, in die Kirche zu gehen, müssen wir Anreize schaffen in Form von positiven Erlebnissen. Dazu müssen wir sie aber erst einmal zusammen bringen. Das bedarf persönlicher Ansprache auch durch Besuche, oder privater Einladungen im kleinen Kreis.
    Die Hamburger Gemeinde hat da erste gute Erfahrungen mit verstärkter Familienarbeit gemacht. Wenige junge Familien haben ihre Bedürfnisse geäußert. Daraus sind Familienfreizeiten und Familienwochenenden entstanden, nicht zuletzt durch unermüdliches Einladen.
    Ein Mal im Monat gibt es nach dem Gottesdienst ein gemeinsames Mittagessen. Junge Leute kommen verstärkt zu diesen Gottesdiensten und bleiben dann auch am Nachmittag noch zusammen.
    Mennoniten bringen nicht-mennonitische Freunde mit. So ist ein Ehepaar in diesem Jahr schon in die Gemeinde eingetreten.

    Ausweg Familienarbeit

    Solche Treffen, die ja ein Stück weit zu positiver Kirchengewöhnung führen können, brauchen aber auch die äußeren Bedingungen zum Gelingen.
    Hamburg hat seit etwa einem Jahr einen Familienraum neben dem Gottesdienstraum mit Fernsehübertragung des Gottesdienstes. So können Familien mit kleinen Kindern entspannter den Gottesdienst verfolgen und danach bei einer Tasse Kaffee Gemeinschaft mit der Gemeinde pflegen. (Dieses Angebot wird im Augenblick nur selten von mehr als einer Familie genutzt, aber wir hoffen weiter).
    Während wir hier sitzen bauen einige junge Leute aus der Gemeinde die Jugendräume aus. Sie bekommen eine Küchenzeile und Duschen, sowie einen zweiten Raum für Treffen und zum übernachten.

    Mehr Attraktivität durch bessere Infrastruktur

    Das musste dieses Wochenende sein, weil sie aus anderen norddeutschen Gemeinden Verstärkung bekommen haben. - Wenn Ihr uns das nächste Mal besucht, können Eure jungen Leute mit unseren jungen Leuten dort übernachten und so Zusammengehörigkeit erfahren. Das sind kleine Schritte, die auch nicht ohne Enttäuschungen bleiben werden. Es ist auch nicht das erste Mal, dass solch ein neuer Anfang gewagt wurde. Es braucht immer wieder neue Ideen und Initiativen. Ich freue mich über diesen neuen Anfang in unserer Gemeinde von Menschen, die bewusst mennonitisch sein und dieses Erbe weitertragen wollen.
    Selbstverständlich steht Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft nicht über dem Glauben an Gott und Jesus Christus. Auch können wir ohne seine Kraft nichts erreichen, aber mit ihm in der Gemeinde eine Heimat finden.
    Schließen möchte ich mit der Frage: Müssen unsere Gemeinden wirklich kleiner werden? - Ich denke, wir haben außer einem guten Glauben noch etwas, das wir weitergeben können und das uns im Teilen bereichert.

    Mechthild Schulz


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